asiatische traeume

angefangen in 2005 war die urspruengliche idee, von bhutan ueberland nach oesterreich zu fahren - in pakistan wendete sich das blatt, das land und die leute nahmen mich gefangen, so blieb ich laenger als gedacht...

Friday, May 05, 2006

Bhutan - Alltag, Aberglaube und tolle Gruppen

30. Maerz - 2. Mai 06

Kuzumsangpo,

Jetzt sitz ich schon ueber einen Monat in Bhutan – genau genommen 2 Tage mehr, denn seit 2 Tagen ist mein Visum ausgelaufen, die Erneuerung dauert schon ueber eine Woche...
Alles ist furchtbar buerokratisch und langsam, man kann nicht mal jemanden bestechen ;o) um das ganze zu beschleunigen weil alle so ehrlich sind...
Vor kurzem hab ich ein Buch gelesen ueber Aberglaube im Alltag. Mich wundert gar nichts mehr. Wenn man wirklich all die Zeichen beachtet, die dort angegeben sind – und zu der Haelfte hab ich schon reale Kommentare von Freunden gehoert – kann man gar nichts anderes machen. Erst muss man nachsehen, ob ein gluecksverheissender Tag ist, damit man ueberhaupt richtig anfangen kann, dann muss man ueberlegen, ob die allgemeinen astrologischen Zeichen die spezifische Arbeit nicht beeintraechtigen. Sollte die alles stimmen und dann laueft man irgendwo an einem leeren Topf vorbei, steht erst recht alles unter einem schlechten Stern.
Eine Reise darf nicht von 6 Maennern alleine begangen werden, sonst passiert etwas Schlimmes – im Notfall wird der Pferdefuehrer dazu gerechnet. Am Tsa Che Gap Cha darf eine Reise ueberhaupt nicht begonnen werden. Aberglaeubische – und das sind 95% der BhutanerInnen – bringen so zumindest das Gepaeck am Vortag zum Haus eines Freundes, so hat die Reise frueher begonnen...
Das Ausdenken dieser ganzen Umgehungen beschaftigt die Leute in ungeheuerem Ausmass. An fruchtbare Arbeit ist daneben wenniger zu denken.
Einige dieser „Ratschlaege“, was man alles nicht tun darf, sind einfach zu erklaeren. Es heisst zum Beispiel, dass man im Winter im Haus nicht Floete spielen darf, weil sonst die boesen Geister geweckt werden. Ich habe dies schon bei den Kalash gehoert – die wissen allerdings, dass gerade im Winter, wo Nahrungsmittel im Haus gelagert sind, die Floete nicht gespielt wird, weil die Toene Maeuse und Ratten anlocken – das mussten schon die Leute zu Hameln erfahren.
Andere Geschichten sind ziemlich unglaublich. So sollte zum Beispiel eine schwangere Frau nicht ueber ein Seil steigen, mit dem ein Pferd angepflockt ist, weil sie sonst genau wie die Stute statt 9 Monaten erst nach 12 Monaten gebaeren wuerde...
Spricht man mit scheinbar abgeklaerten Bhutanern, denen eine skeptische Betrachtungsweise nicht ganz fremd ist, so stimmen sie erst zu – ihre Landeskollegen seien viel zu aberglaeubisch nur um am Schluss zu erzaehlen, dass ihnen selbst die und das passiert ist – denn: das meiste ist Bloedsinn, aber manches muss man schon glauben, zumindest das was mir selbst passiert ist...
In diesem Buch stand auch geschrieben, dass die beste Hilfe gegen Schluckauf sei, ueber Nadeln und Naegel zu reden. Vielleicht versuch ich es mal.

Nach dem ich in immer noch grosser Trauer angekommen bin und meist geschockt war ueber den Luxus in dem ich jetzt lebe – Heisswasserboiler, Betten, Gaestezimmer, Waschmaschine, Mikrowelle, Kuehlschrank, Auto und eine Putzfrau – hab ich mich jetzt wieder halbwegs gefangen. Trotzdem starre ich oft ein Loch in die Luft, in dem nur ich ein liebes Gesicht aus den Kalash Taelern, eine klingende Sitar oder ein duftendes Nussbrot sehe, hoere und rieche.

Nach einem voellig integriertem Leben fuehle ich mich unter den freundlichen aber keuhlen Bhutanern, die sich nicht mal zur Begruessung umarmen, etwas einsam.
Aber das verging schnell, als die erste Gruppe aus Tirol hier auftauchte. Eine lustige Truppe mit dem Herz am rechten Fleck. Bald verstanden wir uns besser als die uebliche Gruppe-zu-Reisebegleiter-Beziehung. Erst koederten sie mich mit Speck, Parmesan, Schnaps und Schokolade, aber das war bald nicht mehr noetig. Ich genoss die Zeit mit den 8 Tirolern – sorry, 5 und 3 Deutschen - obwohl neben bei einiges zu richten war, weil sie ueberland mit einem indischen Bus kamen, dessen Fahrer seine ID Karte vergessen hatte. Das Schlimmste was Bhutanern mit ihrer ewigen Indienphobie passieren koennte. Inder ohne ID, die sich vielleicht irgendwo absetzen. Beteuerungen, dass wir den Burschen eigenhaendig am Fahrersitz anketten wuerden weil es auch nicht in unserem Sinne sei, wenn er sich ploetzlich wie Guru Rimpoche in Luft aufloest halfen nichts. Erst wurde uns angedroht, dass der Bus gar nicht weiterfahren darf, dann wieder, dass er am naechsten Tag verschwinden muss... Es war ein Spiessrutenlauf, bei dem der eigentliche Guide auch nicht wirklich eine grosse Hilfe war, sondern eher noch einiges verkomplizierte, aber das ist eben Bhutan. Schlussendlich ist dank Hilfe aus dem Hintergrund und vielen Ueberredungskuensten alles gut gegangen. Waehrend lange Busfahrten plauderten wir nicht nur ueber Bhutans Geschichte und buddhistische Ikonografie, sondern auch ueber Persoenliches und Lustiges. Viele waren interessiert an den Kalash Projekten und der lange Zeit in Pakistan – so erzaehlte ich, wahrscheinlich viel zu viel, aber ich war so froh, endlich persoenlich mit Landsleuten ueber meine Eindruecke zu reden. Am Ende der Reise, als an den Fahrer und Guide ein Kuvert uebergeben wurde, war noch ein drittes fuer die Kalash dabei. Ich habe mich sehr daruber gefreut und noch mehr werden es die Kalash tun.
Aber das war nicht alles – ich bekam Saecke voll mit nuetzlichen Dingen und Medikamenten, die ich nach Pakistan bringen kann und auch manches fuer mich hier in Bhutan – die Schokolade zum Beispiel wuerde sicher schmelzen bei den 42 Grad die es jetzt schon hat in Lahore.
Und was mich persoenlich am meisten freut ist, dass die Bande Incha Allah nicht reissen werden, manche wurden zu richtigen Freunden.

Parallel war eine andere Gruppe da – aus Wien. Nach dem ersten Treffen am Chele La Pass, wo die erste von vielen Sektflaschen gekoepft wurde, hoerte auf der einen Seite: oje, die Wiener... – auf der anderen: ja, ja, die Tiroler... Aber, und ich hoffe ich beleidige keinen ;o), ich musste feststellen, dass beide Gruppen grossartig waren.

Mit den Wienern konnten wir zwar nicht in die Oper, aber immerhin in Thimphus einziges Kino.

Die Plakate versprachen die erste bhutanische Produktion, bei der ein Chilip – ein Westler – mitspielen wuerde. Eine Freundin erzehlte uns noch ungefaehr den Hergang, damit wir nicht voellig im Dzongkha Dunkel sitzen wuerde, dann gings los. Es war zum Schreien. Michael, Ein Huene mit Wasserstoff blonden Haaren, braunem Bart und schmachtendem Blick verlief sich am Trek, von dem wir auch ein Stueck gehen wuerden. Nach 2 (!) furchteinfloessenden Naechten im Wald – in einem Gebiet in dem man kaum zur Seite kann – verletzt er sich am Bein, kann nicht mehr laufen und schreit laut und pathetisch „Help me!“, was zum Schlachtruf unserer Wiener wurde. Wie kann es anders sein – eine huebsche Yak Hirtin aus Laya findet ihn und sie pflegt ihn tagelang. Es wird eine Vielzahl an Filminuten mit aus den Sprachschwierigkeiten resultierenden Sprachwitzen und Missverstaendnissen totgeschlagen. Als ihr der Bursche endlich seine Liebe gesteht (I love you - english) reicht sie ihm Rettich (lovup - dzongkha). Zum Glueck kommt die englisch sprachige Schwester hoch zur Alm, klaert die Missverstendnisse auf und verkuppelt die beiden schliesslich. Die schauspielerischen Faehigkeiten der beiden jungen Bhutanerinnen uebertrifft die des Weissen um Laengen – seine Schmerzschreie bei jeder Beruehrung des Beines lassen eher auf eine Vergangenheit als Pornodarsteller schliessen. Tatsaechlich ist er auf bhutanische Art zum Film gekommen. Der eigentliche Star sagte im letzten Augenblick ab und schickte einen Freund als Ersatz.
Mike sitz also auf der Weide, schaekert mit den Maedels und springt schon ganz munter auf den Almen rum. In Einblendungen sieht man immer wieder den aufgeregten Reiseveranstalter und eine Militaereinheit, die zur Suche abkommandiert wurde, im Gaensemarsch den Wald absuchen. Schlussendlich werden die 3 verraten, er wird gewaltsam unter dramatischen Liebesbeteuerungen weggezerrt, aber es waere nicht von Bollywood abgeschaut, gaebe es nicht viele Lieder und ein Happyend.
Was als Inhalt hier in wenigen Zeilen Platz findet dauert im bhutanischen Kino 3 ganze Stunden, ein bisserl mehr vielleicht wegen wiederholtem Stromausfall...
Das bhutanische Publikum war manchmal sehr erstaunt, weil die Chilip-Zuschauer ausgerechnet immer bei den heroischsten und traurigsten Szenen in lautes Gelaechter ausgebrochen sind. Wer schon mal einen Bollywood film gesehen hat und die Liebe der Regisseure zu dramatisch witzigen Einstellungen kennt, weiss warum. Die anderen sollten rasch einen derartigen Film ansehen!

Wir wussten nun also, wie wir uns am Trek verhalten mussten, falls etwas schiefgehen sollte, einfach HELP ME schreien, dann kommt die huebsche Hirtin. Ich versicherte mich noch, wer gesucht werden wollte, falls er verloren ging und wer sich lieber zur Yak Alm durchschlagen moechte.

Martin und ich gingen beim ersten Kurztrek der Gruppe mit der Campingausruestung entgegen, schlugen mit Hilfe des Horseman ein Lager auf und kochten in Abwesenheit des versprochenen Kochs selbst in der Bambushuette. Mit dem stoerrischsten aller Pferde an der Leine marschierten wir los um den verschneiten Trekkern eine warme Mahlzeit entgegen zu bringen. Der Horseman wartete einstweilen bei den anderen Pferden im Camp. Das Pferd erwies sich als nicht so bockig wie angenommen, sprang lustig im Regen ueber Stock und Stein und witterte als erster die Kollegen, die das Gepaeck der nahenden Gruppe trugen.

Nach einer kalten Nacht lag am Morgen Schnee auf den Zelten, es schneite selbst noch beim Abmarsch. Aber die Gruppe lies sich die gute Laune nicht nehmen, erschoepft, nass aber mit Laecheln kamen wir zurueck ins gemuetliche Hotel in Bumthang, wo wir erstmal alles trocknen liessen, um 2 Tage spaeter den nachesten Versuch ein paar Sonnenminuten am Weg zu erhaschen anzugehen.
Als Belohnung war auf wundersame Weise die bestellte Geburtstagstorte (in Punakha, was nicht grade als Zentrum des ohnehin nichtvorhandenen bhutanischen Konditorverbandes gilt! – ein Lob an die Baecker!!!) mit richtiger Beschriftung eintrifft, sind alle sprachlos. Die Flasche Sekt fand von Thimphu ihren Weg – wir waren vorbereitet, schliesslich hatten diese 10 Leute in den 3 Wochen ihrer Reise 4 Geburtstage zu feiern.

In einem anderen Tal ging es nun zum Gasa Dzong, wo ich selbst noch nie war, und dann runter zu den heissen Quellen. Bei der Anfahrt, zu der wir uns in kleine Gruppen teilten um in die gelaendegaengigen Allradautos zu passen. Der Fahrer des Hilux erstaunte mich aufs hoechste. Wir wurden angehalten – wegen den ueblichen schriftlichen Genehmigungen. Der Fahrer wusste gar nicht, ob wir ueberhaupt eine hatten, was normalerweise zum demuetigen Umkehren fuehren wuerde. Ich traute meinen Ohren nicht, als ich hoerte: „Wir sind mit 3 Autos unterwegs, die Genehmigung war im ersten, wo auch der Guide sitzt! Sie sind sehr fruh gefahren, vielleicht habt ihr sie nciht gesehen.“ Ein Bhutaner der den Obrigkeiten eine Ausrede erzehlt – wo hat man das schon gesehen? Ich war schwer beeindruckt, den Burschen musste ich mir merken.
Diesmal verschonte uns am Trek zwar der Schnee, aber der Regen blieb nicht aus. Der Weg zum Dzong, der lange Zeit zum Greifen nahe am gegenueberliegendern Huegel thront windet sich 5 Stunden in Seitentaeler, Schluchten und zum Schluss in steilem Anstieg ins kleine Dorf am Fusse der Festung. Gasa ist die einzige Bezirkshauptstadt ohne Strassenanschluss. Strom kam vor 3 Monaten, nachts brennen nun stolz die nakten Gluehbirnen auf den kleinen Veranden. Der Weg und dann besonders der Platz bei den heissen Quellen war von Blutegeln besetzt, wie durch ein Wunder haengte sich keiner an unsere Gaeste. Ich ueberraschte ein paar beim Versuch vorne an meinen Schuheh hochzuklettern – selber Schuld – wuerden sie von hinten hochkommen, haette ich es nie bemerkt.

Am fruehen Morgen toente die Klaenge von ‚Bruder Jakob’ durch die duenne Zeltwand – schlaefst du noch? Bei der Gruppe war Hornist, ein Philharmoniker. Um nicht aus der Uebung zu kommen hatte er sich ein Reisehorn gebastelt – ein Stueck Gartenschlauch in Form gebogen, ein Oeltrichter am einen Ende, das Originalmundstueck am anderen. Damit sorgte er ueberall besoders bei den Kindern fuer Aufregung, aber auch Moenche nickten zustimmend – sie wusstenwie schwer es ist, diesen Dingern Toene zu entlocken. Zu den Gebetsstunden und Pujas spielen sie auf Alphorn aehnlichen Instrumenten.
Mit Radetzky kuendigte er den letzten Marschtag an. Ein paar Amerikanerinnen von der Konkurrenz waren voellig hingerissen, einen echten Philharmoniker live zu hoeren. Was Bhutan alles zu bieten hast ist erstaunlich...
Die harmonischen Klaenge troesteten ein wenig ueber den entsetzlichen Dreck bei den heissen Quellen hinweg, die Toiletten verstopft und unbrauchbar, Mist wird einfach fallen gelassen. Die umweltbewussten Spruche, die in Graffitti Form von grossen Steinen prangen sind noch nicht ganz im Bewusstsein der Bhutaner verwurzelt.
Zurueck in der Zivilisation mussten wir zum 2. Mal alles trocknen, aber immer noch scherzten alle – unverwuestlich diese Wiener.
Wahrscheinlich darum und wegen ihrer aufgeschlossenen Art hatte Guru Rimpoche neben den Regentropfen auch ein paar Zuckerl auf ihre Reisepfade gestreut. Berauschende Blicke in Bhutans Himalaya vom Chele La, farbenfrohe Maskentaenzer und ein Riesenthangkha (Thondrol) beim Paro Tse Chu, entspannende Baeder zwischen Blutegeln bei den heissen Quellen, gelungene Geburtstasfeiern in den abgeschiedensten Winkeln, ein gerade geschluepftes, staksiges Babytakin, ein wildromantisches Picknick am Fluss, eine Einladung im gemuetlichen Bauernhaus am Trek und Rhododendren in voller Bluetenpracht als Farbtupfer im tristen Nieselregen.
Nicht nur Musiker, sonder auch Poeten waren mitdabei, so entstand zum Abschluss ein Gedicht, in dem all die bhutanischen Ereignisse zusammengefasst wurden. Am letzten Abend unter schallendem Gelaechter und dem ein oder anderen wehmuetigen Blick hiess es dann:

Der Zeremonienschal, der weiße
begrüßt uns am Beginn der Reise.
Doch Nonnenkloster, Tigernest
geb´n uns am Anfang gleich den Rest.
Paro-Tsechu – der Mönche Tanz
geb´n dann der „chose“ Farbenglanz.
Dann Dzongs und Klöster - ´rein und ´raus –
Für Tempel heißt es: „Schuhe aus!“
An manchen Stellen, das ist wahr,
spürt man die Kraft des Ortes gar.
Auf der Dämonin linkem Fuß
die beiden Tempel sind ein Muss.
Die Isabelle führt uns ein
was Inhalt ist der Malerei´n.
Und so begleit´ uns Woch´ für Woche
Shabdrung und der Guru Rimpoche.
Dem Drukpa Kunley seine Glieder
Die hab´n ´ne Kraft - da kniest Dich nieder.
Penis mit Mascherl, frisch frisiert,
so manche schöne Hauswand ziert.

Der blonde Mike schreit „help me!“ laut
und find´t so seine Yak-Hirt-Braut.
Verhilft uns auch auf diese Weise
zum Schlachtruf uns´rer Bhutanreise.

Die Straßen schlängeln sich am Hang,
fast wird uns allen Angst und bang!
Rimpoche mög´ sein´s Amtes walten
und g´fälligst ein paar Felsen spalten!

Wir essen gern das „Bhutan-Gatschi“
„momo“ heißt´s, und „ema-datshi “ .

Die Treks durch Regen, Dung und Gatsch
machen uns abends ziemlich matsch.
Dazu die Nachricht, erst die schlechte :
„Der Schnee reicht nicht für eine Wächte!“
Und dann die gute Nachricht d`rauf:
„Einmal hört jeder Regen auf!“
Ob Schnee, ob Regen in der Nacht
Am Morgen der Martin nur lacht.
Und rinnen auch durch´s Zelt die Wässer
Sagt er: „Versichert Euch halt besser!“.
Im Bauernhaus beim Buttertee
da trocknen wir uns dann vom Schnee.

Des Martin´s Liebe zu Bhutan
steckt schließlich auch uns alle an
so dass, obwohl die Sonne nicht mehr scheint,
zum Abschied jeder leise weint
und denkt: „Wie schoen ist doch Bhutan -
jetzt geht das Foto-Picken an.
(herzlichen Dank an Guenter!)

Auch diese Gruppe hat einiges hinterlassen, nicht nur das Laecheln auf unseren Lippen wenn wir an sie denken. Ich werde mit vollen Koffern und Plaenen fuer neue Projekte in die Kalash Taeler fahren.

Nach der Abreise ist es jetzt wieder etwas ruhiger, die Arbeit allerdings laesst nicht nach. Martin schreibt einen Reisefuehrer fuer den ich Fakten zusammensuche und Legenden zurechtstutze. Beides ist nicht so einfach hier. Legenden gibt es zu jedem Thema in vielfacher Ausfuehrung und Fakten, ja... was war das gleich wieder?
Nicht mal in der Groesse des Landes sind sich die verschiedenen Quellen einig, wie dann erst bei sich jaehrlich aendernden Zahlen? Eine kleine Hilfe ist der kuerzlich veroeffentlichte Census Bhutan. Letztes Jahr fand die erste Bevoelkerungszaehlung statt, alle Zahlen sind zwar immer noch nicht zugaenglich, aber ein paar wurde schon veroeffentlicht. So ist nun ein-fuer-alle-mal klar, dass (nicht wie im CIA fact book 2,2mio oder 1,2mio und) nicht wie seit ca. 5 Jahren angenommen hier 740.000 Bhutaner auf den Bergen und im Dschungel herumkraxeln, sondern nur 634.982. Das statistische Pro-Kopf-Einkommen ist sprunghaft gestiegen - Ueberraschung - was bhutanische Experten zu Aussagen verleitet wie: "There will be a fictional rise of GDP per capita in Bhutan, but this does not mean that our income will increase today because of the census results“
Man hoere und staune!
Heute waren wir in der Nationalbibliothek – aus der keine Buecher ausgeliehen werden duerfen – und haben uns koestlich mit den Originalberichten von Sir J.C. Whites und Ashley Edens Missionen nach Bhutan amuesiert. Letzterer wurde - zum immer noch anhaltenden Gaudium der Bhutaner – weil er ungebeten kam mit Unhoeflichkeit behandelt und mit Dreck beworfen. Das hiesige Schulbuch erzaehlt heroische Geschichten zum Thema, ganz so war es aber doch nicht. Einige spannende Details, die so gar nicht in Einklang mit den bhutanischen Heldengeschichten gebracht werden koennen haben wir schon entdeckt.
Die Beschreibungen Ashleys ueber den Charakter der Einheimischen sind nicht immer sehr schmeichelhaft, treffen aber teils heute noch zu. Daher kommt wahrscheinlich der immer noch spuerbare Hass auf diesen Briten.
Ihre Illoyalitaet und Unzuverlaesslichkeit hatte er damals schon ausgespaeht.
Davon koennen wir ein Lied singen.
Der Reiseveranstalter fuer den Martin hier arbeitet, hat schon einige Buchhalter verbraucht. Der Vorletzte hat sich, nach dem er die wenigen klaren Dinge auch noch durcheinander gebracht hatte, nach Indien abgesetzt. Hinter ihm kam die sprichwoertliche Sintflut. Der Jetzige rauft sich Tag fuer Tag die Haare oder erscheint tagelang gar nicht. Das Steuersystem ist nicht einfach hier und es gibt landesweit genau keinen Steuerberater und niemanden, der eine klare Auskunft ueber gewisse Steuersaetze oder Vorgangsweisen z.B. bei der TDS geben kann. TDS heisst „Tax Deducted from Source“ und muss beim Bezahlen gewisser Rechnungen dem Dienstleister vom Dienstnehmer abgezogen werden. Der Dienstnehmer hat also Geld, das ihm nicht gehoert, der andere muss ein bisschen weniger Steuern zahlen. Die Saetze sind je nach Leistung verschieden, bei Barzahlung faellt es – vielleicht, das weiss keiner so genau – aus. Der Grund ist, dass der Staat seine Pappenheimer kennt und weiss, dass nicht jeder seine Steuern zahlt, so wird ein Teil einfach einbehalten und soll von anderen – die vielleicht auch nicht zahlen – bezahlt werden. Bis hier her alles klar? Ich werde das Thema nicht weiter vertiefen, sonst fange ich vielleicht auch noch zum Haareraufen an.
Aber nicht nur die Buchhalter machen sich nacheinander aus dem Staub, auch Guides, Koeche und Autos lassen sich nicht verbindlich anheuern, Zimmer buchen ist eine Kunst und falls man versucht per Telefon etwas auszumachen geht das bestimmt in die Hose.
Sangay, ein Freund hier und einer der wenigen der weiss was Loyalitaet wirklich ist, ruft 3 Mal an, wenn er durch seinen Fahrer etwas bringen laesst. Erst um sich zu versichern, dass der Zeitpunkt passt, dann wenn der Fahrer wirklich abgefahren ist (kann manchmal dauern) und dann ob er auch angekommen ist. Er kennt seine Schaefchen.
Aber die asiatische Gelassenheit laesst drueber hinwegschauen, ein gewisse Portion Humor ist sehr hilfreich und wenns zu bunt wird und die kan Almdudler ham, fahr ma wieda ham!

Almdudler gibts wirklich nicht, dafuer hat es in Bumthang im Swiss Guesthouse nun erstmals Weissbier vom Fass. Fritz Maurers Sohn (ueber Fritz hab ich schon oefters geschrieben, der der die Kaeserei, die bienenzucht, die Landmashinen Werkstatt, das Guesthouse, den Bumthang Ofen, Weissbier und Chrueter Schnaps eingefuehrt hat) – also sein Sohn ist mittlerweile von der schweizer Armee zurueckgekommen und fuehrt nun mit seiner bhutanischen Frau das Guesthouse. In der Armee diente er als Koch, was ihm zu Ueberblick und logistischem Denken verholfen hat – 2 Dinge die hier nicht sehr ausgepraegt sind. Es gibt selbstgeraeucherten Speck, Brot, Roesti, Raclette, Fondue und Berner Teller auf dem Speiseplan und im Sommer geht er Erdbeeren suchen – fuer die Marmelade.
Sein Deutsch ist holprig, dafuer spricht er fliessen schwyzerduetsch und Dzongkha, eine lustige Mischung. Beim Plaudern bekam ich ploetzlich Schluckauf, also sagte ich zu ihm: „Vielleicht kennst du – hicks – das bhutanische Buch – hicks – mit den Geschichten ueber – hicks – Aberglaube. Dort steht – hicks – dass man ueber – hicks – Naegel und Nadeln reden soll, wenn man Hitski hat, also erzaehl ich dir jetzt was ueber Naegel und Nadeln. Hast du irgendwo einen Nagel rumliegen, vielleicht hilft das besser....“
Und wie durch ein Wunder hoerte der Schluckauf auf. Ist ja alles Bloedsinn, aber manche Dinge muss man schon glauben. Zumindest das was mir selbst passiert ist...

Tashi Delek

Tuesday, May 02, 2006

Abschied und Heimweh - eine Liebeserklaerung an die Kalash Taeler

16 - 28 maerz 06

Ishpata

Ich bin schon ein Land weiter, aber meine Gedanken haengen immer noch in den
Valleys. Ich habe Heimweh. Ich dachte dieses Wort existiert nicht fuer mich,
freue mich immer auf das was kommt, was es auch sein mag. Ich erinnere mich
gerne an alle Leute daheim, sehr oft, fast jeden Tag, aber es schmerzt
nicht. Jetzt will ich nur zurueck.
Die letzten Tage waren wunderbar oben, wunderbar und traurig.
Der Fruehling hat begonnen, rosa, weiss und gelb bluehen die Baeume,
Veilchen und Narzissen wachsen wild und allerhand anderes Kraut dessen Namen
ich nicht kenne. Die neugeborenen Kitzlein springen uebermuetig auf den
frisch gruenen Wiesen, die Felder werden von Steinen geereinigt –
Fruehlingsstimmung, Aufbruchsstimmung.
Ich wanderte nochmals das Tal ab zum “Gheri Pashik” (Wiedersehen) sagen,
Traenen in den Augen. “Mo pari” (geh nicht) hiess es ueberall. Und alle
sangen sie ein bekanntes Lied hier – mein Lieblingslied, obwohl ich lange
nicht wusste was es bedeutet. Ich liebte die Melodie von Anfang an. “Achi
gos a noi?” (Will you come back or not). Oft haben sie mir zuliebe dieses
Lied gesungen, weil sie wussten dass es mir gefaellt. Diesmal schwag ein
anderer Unterton mit, ein fragender, ein ernster.

Am letzten Abend tanzten und sangen wir noch ein letztes Mal gemeinsam,
Jamil dichtete einen neuen Song. Einen Song von einer Angrezi, die geht, die
nicht gehen soll aber hoffentlich bald wieder kommt, mit den besten
Wuenschen von allen im Dorf. Normalerweise tanzt nur einer bei Musik in
Chitral – Tradition – aber bei diesem Lied standen ale auf und machten mit.
Mir rannen die Traenen ueber die Wangen, zum Glueck wars finster und nicht
alle sahen was los war.
Das Packen viel mir schwer, staendig kamen Leute, brachten Walnuesse und
handgemachte Baender (traditionelle Abschiedsgeschenke) – mein Gepack
besetht zu 50% aus Nuessen ;) - Ich konnte die halbgepackten Taschen gar
nicht wirklich ansehen, suchte immer wieder einen Ablenkungsgrund.
Dann war es soweit. In einer halben Stunde sollte der Jeep fahren. Ich
musste das Kalash Kleid ausziehen, Pakistanisches Gewand anlegen. Meine
Haende zitterten beim Aufmachen der Zoepfe. Azurma, eine liebe Freundin,
half mir dann.
Das halbe Dorf war um den Jeep versammelt, meine “Aya” kam aus dem Baishali
(Frauenhaus) zum Abschied. Zoegernd streckte sie die Hand aus, weil man ja
Baishali Frauen nicht beruehren soll, aber dann fiel sie mir schuchzend um
den Hals.
Ich hab solche Abschiedsszenen nie gern gehabt, war immer schon einen
Schritt weiter in Gedanken, was wohl Schoenes kommen wuerde. Vorallem wenn
ich wusste, dass ich wieder zurueck komme. Ich weiss auch diesmal, dass ich
wieder zurueck kehre – ich muss einfach – trotzdem war und ist es schwer.
Ein paar sangen wieder “achi gos a noi?”, den Weg raus aus dem Tal wurde es
dann Ernst “nun bin ich wirklich weg!” war mein einziger Gedanke,
unterbrochen von ein paar Traenen, die im Schlaglochtakt von meinen Wangen
sprangen.
Lange noch war am Horizont Guru zu sehen.
Eine Nacht noch in Chitral, da der Flug am fruehen Morgen gehen sollte. Ich
hoffte auf schlechtes Wetter. Shah, Sher Alam und Taj begleiteten mich. Wir
besuchten noch eine Freundin im Spital, ich gab ihr mein letztes Geld (zu
der Zeit war ich noch im irrtuemlicen Galuben, dass ich in Peshawar in ein
paar Stunden Geld abheben koennte) zum bezahlen der Medizin und fuer den
langen Spitalsaufenthalt.
Zur Polizei musste ich auch noch um meine Abreise bekanntzugeben.
Ueberrascheder Weise verliess mich der Security guard gleich darauf. Was
fuer ein Gefuehl – man merkt es nur, wenn man den Unterschied kennt. Laut
schreiend life ich ueber den finsteren Sportplatz – “Azat sindagi” (freies
Leben) – die Maenner hinter mir grinsten.
Am naechsten Morgen war das Wetter leider ziemlich gut, aber Wolken zogen am
Horizont auf. Am Flughafengelaende verabschiedete ich mich noch von meinen
Begleitern.
Im Flugzeug hoffte ich immer noch auf ein Umdrehen – passiert oefters wenn
ueber dem Lowari (Strassenpass, der wegen Schnee zur Zeit geschlossen ist)
Wolken haengen – die Focker drehte laut bruellend ein paar Spiralen nach
oben – mein Herz sprang – Geht es zurueck? Nein, es dauerte heute nur etwas
laenger um Hoehe zu gewinnen. Ich wusste natuerlich, dass ich in den Sueden
muss um mein Flugzeug nach Bhutan zu erreichen, trotzdem war es irgendwie
entsetzlich endgueltig, als wir den Lawari ueberquerten.
Zarin, ein Kalash holte mich in Peshawar vom Flughafen ab – nach einer
knappen Stunde Flug (auf der Strasse dauerts 14 Stunden). Imtiaz war
zufaellig da, es war ein bisschen wie ein langsames entgleiten in eine
andere Welt. Das riesige, laute, stinkige Peshawar – das ich eigentlich ganz
gern habe – konnte mich nicht froehlich stimmen.
Zarin gab sich alle Muehe, brachte mich zum Fuss wo wir Fisch assen,
schleppte mich in einen “Interantional Club” wo ich Rotwein trinken durfte
und westliche Musik zum Umfallen gespielt wurde, aber das alles waren
Sekunden der Ablenkung.
Ich sah die glitzernde Sonne am ruhigen Fluss, kitschige Boote dekoriert mit
1000en Plastikblumen, voll beladen mit modernen Frauen mit Schal und
Kriegsbemalung, droehnende Musik aus den Lautsprechern und dachte an den
glucksenden Bach in Biriu, in dem die Kids tollen, Frauen Waesche waschen
und Zoepfe flechten.
Ich hoerte all diese Lieder im Club mit extremem Bassound, sah die paar
Westler (hauptsaechlich NGO Angestellte, da es kaum Touristen gibt jetzt)
und denke an Jamil, Baras Khan mit Sitar, Floete und Trommel und die Saenger
und eleganten Taenzer in den Valleys.
Mit Daewoo gehts nach Lahore – am Terminal hinter Plastikplanen stehen noch
die alten nieder gebrannten Busse, die bei den Demos draufgingen.
Javed empfing mich, brachte mich zu seiner Family, wo alle schon ungeduldig
warteten. Am Weg holten wir das Flugticket ab, welches er fuer mich
reserviert hatte. “Kann ich es umtauschen gegen eines das nach Chitral
fuehrt?”
Ich versuchte meinen Laptop zu reparieren, er war in der letzten Wochen
endgueltig demoliert worden – vom Jeep gefallen. Leider ist er irreparabel
hinueber – jetzt muss ich in Nepal einen neuen kaufen. Es gaebe wohl bessere
Pflaster fuer diese Mission, aber manchmal spielt das Leben auf seine eigene
Art. Wer weiss wofuer es gut ist.
In Lahore war wieder Erdbeershake Saison – Ich kam in Erdbeershake Saison
und ging in Erdbeershake Saison – ein gutes Omen, zumindest red ich mir das
ein.
Javeds schwangerer Frau get es gut, sie betet das Ende herbei, ansonsten ist
alles klar. Ein ein halb Monate wird es noch dauern. Wenn ich zurueck bin
werd ich das Baby nicht mehr sehen. Es wird bei Javeds Schwester in Lahore
sein. Sie selbst kann keine Kinder kriegen, so tut Salma ihr diesen
“Gefallen”.
Sie beschwert sich ein wenig, weil ich nicht mehr so viel Urdu spreche wie
vorher. Es faellt mir schwer. Kalashamun laege mir nun viel leichter auf der
Zunge. Jedesmal faelt mir zuerst die Kalash Wendung ein, dann bleib ich
wieder in den Valleys haengen in Gedanken und Urdu ist vergessen.
Nun sitze ich in Kathmandu, war zum ersten Mal im Pool schwimmen – ein
sensationelles Gefuehl im Wasser, das hat mir gefehlt. Heisses Bad im
Shangri La, im Garten bluehen Blumen in allen Farben, es duftet himmlisch –
ich wuensch mir einen kalten Kuebel Wasser, mein staubiges Zimmer und die
Veilchen.
Morgen muss ich einen neuen Laptop kaufen, dann gehts nach Bhutan, wo die
Arbeit wartet – und ein Zuhause. Ich hoffe ich kann mich dort Zuhause
fuehlen – Wenigstens bis wir wieder in die Valleys fahren…

Projekte und ein Schatten

feb- ende maerz 06

Lang lang ist’s her. Nun hab ich meinen Laptop wieder und kann, wenn auch umstaendlich, schreiben und email schicken.
Viel ist passiert – zum Beispiel hab ich nun einen neuen “malgiri” (Freund), der mich auf Schritt und Tritt verfolgt – wenn er nicht grade irgendwohin verschwunden ist. Er hat eine blaue Uniform, Kappe mit Abzeichen und ein Gewehr, mit dem er allerdings nicht schiessen darf.
Richtig geraten – ein personal security guard. Er begleitet mich, erst wegen dem Cartoon Streit, der in Peshawar (weit weg von hier) fuer Ausschreitungen gesorgt hat. Nicht nur in Pakistan, auch in anderen Landern. Ich hab ein bisschen im Internet geschaut als ich mal Zeit hatte und es funktionierte. Die Aktion des Italienischen was-weiss-ich Ministers (der glaub ich zurueckgetreten ist) mit dem Druck der Cartoons auf T-Shirts war nicht grade clever. Warum muss unbedingt provoziert werden?
Na ja, jedenfalls als dieses Problem ausgestanden war begannen Kaempfe in den wazirischen Agencies (Grenzgebiet zu Afghanistan) mit Afghanischen Guerillas. Ich denke du weisst mehr von den Details als ich – Nachrichten sind hier nicht grade einfach zu kriegen. Hier ist allerdings nichts davon zu spueren. Jeder fragt mich, was der neue Schatten den nun soll – Leute sind befremdet. Wenn ich ihnen die Geschichte erzaehle – dank Imran bin ich nun faehig es in Kalash zu erzaehlen – meinen sie “was will er tun? Wir sind alle deine Security!” und dann marschieren wir gemeinsam ins Anguti (Gaestezimmer) zum Kartenspielen, Musizieren und Tanzen. Die heile Welt wird nur von eben diesem Security gestoert.
Vielleicht denkst du nun ich sei naiv, ich solle froh sein und aufpassen. Aber nach mehr als einem halben Jahr kenne ich die Pappenheimer hier ein wenig. Ihre Fuersorge ist genial, ich bin im Familiensystem aufgenommen, hab Vater, Mutter, Schwester, Bruder und hunderte Onkeln, Tanten und Cousinen. Wenn einer nicht direkt mit mir “verwandt” ist, werd ich “Jamili” genannt (Tochter des Clans). Kalash oder Muslim – alle machen mit. In jeder Familie sind Muslims, viele konvertierten. Es gibt manchmal Probleme, aber die liegen auf ganz anderen Ebenen als Kaempfe oder Unfreundlichkeiten.
Eines hab ich vor kurzem selbst erfahren duerfen. Im Baishali (dem Haus in das Kalashfrauen waehren der Monatsblutung und fuer Geburten gehen muessen da sie zu dieser Zeit als unrein gelten) fiel das Licht aus. Die Leitung fing Feuer, Kabel, Lampenhalter, Steckdosen (trifft sich hier alles auf einem Brett) war kaputt. Ein neues sollte her, moeglichst schnell. Geld war nicht da. Was machen? Die Frauen schickten ein Kind zu meinem Haus um mich um Hilfe zu bitten. Da ich aber schon ziemlich lange hier bin und es in Chitral kein Bankomatsystem gibt hab ichs grade nicht so dick. Außerdem will ich nicht das Gefuehl geben, dass ich alles mit dem kleinen Finger machen kann. Leute verlieren die Motivation etwas selbst zu machen was hier schon vielfach passiert. Viele Projekte wurden hier von verschiedenen NGOs mit mehr oder weniger Erfolg ausgefuehrt. Leute beginnen auf Hilfe von Außen zu warten. Sie beginnen sich zu bemitleiden, zu oft wurde ihnen gesagt dass sie nichts selber machen koennen, dass sie weit hinter den Standards leben, als waeren sie nichts wert. Aus diesem Grund haben wir auch bei der Schule erst mit den Dorfaeltesten gesprochen, ob Freiwillige da sind, ob Holz gratis gegeben werden kann. Es ist wichtig fuer das Selbstbewusstsein der Leute zu wissen, dass sie einen nicht unbeachtlichen Teil beigetragen haben. Es ist ihr Projekt, nicht meines. Sie werden auf die Schule achtgeben muessen, sie erhalten, reinigen etc. – Ach ja: die Eroeffnung hat stattgefunden, herzlichen Dank nochmal an die jenigen, die mitgeholfen haben!!!

Eine Menge “wichiger” Leute war anwesend – der Tehsil Nasim, der Education Department Officer des Districts, der Union Nasim und eine Menge anderer Nasims und Zeitungsfritzen. Zum ersten Mal trafen sich diese Leute hier. Noch nie waren “officials” im letzten Dorf des Tales angelangt. Sie waren ziemlich effektiv, haben gleich den staendig abwesenden Lehrer gefeuert und die Stelle dem bisher von einer NGO bezahltem Hilfslehrer angeboten. Ein paar Toiletten fuer’s Dorf sollen auch noch gebaut werden (zur Zeit: 50 Haeuser, 1 Privattoilette + 2 neue bei der Schule, der Rest duengt den Wald. Grubensystem gibt es hier nicht). Und sie werden drueber beraten ob nicht doch eine High School im Tal gebaut werden soll. Zur Zeit kann sich niemand leisten, die vielversprechenden Schueler in eine der Staetde fuer hoehere Bildung zu schicken. Es waere eine grosse Hilfe. Ich hab Sartaj, dem Tehsil Nasim, (sowas wie Bezirkshauptmann) das Versprechen abgenommen, sich persoenlich dafuer einzusetzen. Ich werd ihn noch oft sehen – er ist ein guter Freund von mir, mit dem sichs gut Karten spielen laesst – und ihn erinnern. Er ist einer der wenigen Politiker hier, die wirklich was tun und Geld nicht einfach einstecken. Er ist ein lustiger Mensch, aeussere Umstaende sind ihm voellig gleich, er maschiert ueberall hin, wenns sein muss in stroemendem Regen oder waden hohem Matsch. In seinem Buero rieselt die Farbe von den Waenden, im Badezimmer herrscht permanente Flut. Er lacht nur wenn ich sage er arbeite unter schwierigen Wetterverhaeltnissen – Schnee im Buero und Ueberschwemmung im Bad. Es ist im egal. Geld wird fuer nuetzlichere Dinge ausgegeben. Etikette ist auch nicht grade sein Ding, er eckt bei vielen “richtigen” Politikern an,aber er haelt seinen Weg bei. Seine offizielle Tahsil Nasim Email Adresse lautet “sartaj@hotmail.com” . Wir haben einige kleine Projekte gemeinsam gemacht, weitere stehen an. Researches in den Kalash Taelern, Carrier Councelling, etc.
Aber zurueck zum Baishali. Was tun? Wir liefen von Haus zu Haus und sammelten pro Frau 5 Rupies ein. Sie waren stolz etwas beizutragen. Wir hatten bald 400 Rupies beisammen, den Rest auf die noetigen 1000 hab ich beigesteuert. Es ist kein grosser Betrag, aber mit der Message: “wir alle helfen zusammen!” hatte das Projekt groesseren Erfolg als alle anderen. Sie wissen nun, dass sie diese Dinge auch selbst in die Hand nehmen koennen. Es ist vorher niemandem zu keinem Zweck eingefallen, kleine Betraege einzusammeln und am Schluss eine ordentliche Summe zubekommen. Organisation ist nicht grade hier erfunden worden.
Nun begann das Problem: Kalash Maenner duerfen nicht in dieses Frauenhaus gehen, sie wuerden unrein. Es gibt dann nur die Moeglichkeit, eine Ziege zu opfern um sich rituell zu reinigen. Eine Ziege kostet allerdings das Vielfache der Kabel und Lampen. Ein junger Kalash, Taj Mahmad, hatte sich zwar bereit erklaert zu gehen, der Rat der Aeltesten erlaubte es ihm aber nur unter oben genannter, teurer, Bedingung. Shah Hussain, ein guter Freund und Moslem (unter anderem mein “moa” = “Onkel”) war bereit zu gehen. Taj Mahmad, der einzige Elektriker im Tal stand draussen um verbal Hilfe zu leisten falls irgendwelche Montageproblem auftraten. Nach 2 Stunden war die Sache erledigt. Ein Raum blieb ohne Licht, weil sich keine Oeffnung fuer das Kabel fand. Wir begaben uns also auf die Suche nach einem Bohrer. Ein weiteres Problem. Der Bohrerbesitzer, ein aelterer Kalash, rueckte das Ding nur unter der Bedingung raus, dass der Holzgriff, der im Frauenhaus unrein werden wuerde, ausgetauscht wuerde. Auf meine Frage “Warum der Griff, aber nicht der Bohrer selbst?” hieß es: “Holz besteht aus mehreren Komponenten, es nimmt die Unreinheit auf. Metall ist rein!” Ich verbiss mir den Kommentar, dass in Pakistan nichts rein sei, was zum Verkauf bestimmt war.
Am nachsten Tag marschierten wir also wieder los. Eine der Frauen meinte: “Im anderen Baishali flussaufwaerst ist das Licht auch kaputt. Seit 3 Monaten!”
Wir gingen also wieder Geld sammeln. Diesmal 10 Rupien pro Nase, weil weniger Frauen in dieses andere Baishali gehen. (70 Rupies = 1 EUR). Alle machten gluecklich mit.
Zum Einkaufen in Chitral (Stadt) nahmen wir noch ein paar Patienten mit, die sich die Transport- und Medizinkosten nicht leisten konnten. Hier in Biriu gibt es zwar einen Medizinischen Assistenten, Medizin ist allerdings rar. Er kann maximal ein Rezept schreiben. Seit ich anfing, Kopfwehtabletten, Durchfallmedizin und andere Medikamente aus meinem Depot zu geben und Wunden zu verbinden glauben die Leute ich sei Doktor und kommen mit den wunderlichsten Anfragen. Einige kann ich nach Chitral bringen, es handelt sich meist um 5 Euro pro Nase fuer Transport, Arzt und Medizin. Einer der wenigen guten Aerzte ist ein persoenlicher Freund, ihn kann ich fragen wenn ich Medizin habe aber nicht genau weiss ob sie helfen wird. Leute hier sind einfach. Wenn man Kopfweh, Fieber, Durchfall, Mandelentzuendung, Mittelohrentzuendung und Wunden behandeln kann glauben sie man habe Roentgenaugen und Wunderhaende.
Aber nicht nur Patienten und Kabelkauf standen am Programm. Mit Imran habe ich ein Projekt begonnen, welches die Kalashschrift verbreiten soll. Bis vor 3 Jahren gab es keine Schrift, ein paar Linguisten haben in Kooperation mit dem Nationalen Sprachen Institut Pakistans ein Schrift gebastelt (besteht hauptsaechlich aus Lateinischen Buchstaben mit ein paar neuen Zeichen fuer Nasallaute). Imran arbeitete mit diesen Leuten und erfand eine gute Methode, diese Schrift zu lehren. Er ist allerdings der einzige mit diesem Wissen. Nun unterrichtet er die Lehrer und einige Schueler- und Erwachsenenklassen parallel. Dazu brauchen wir Schreibwaren, Texte, Kopien etc. Wir haben einige NGOs um Hilfe gebeten. Diese Bueros galt es nun abzuklappern.
Dazu ein Besuch bei Sartaj und dem IUCN (World Conversation Union, frag mich nicht wie sie zu der Abkuerzung kommen) Buero wegen einem Research Projekt die Gesamtsituation der Kalash betreffend. Praesident Muzaraff hat ein Paket zur Entwicklungshilfe zugesagt. Nun sollen wir herausfinden, welchen Projekten Prioritaet zugestanden werden soll. Die Researcharbeit wurde hauptsaechlich von den IUCN Leuten erledigt, ich soll nur ein paar Kommentare abgeben und ergaenzen. Es ist schwierig fuer die Leute hier ihre Probleme zu nennen. Ich wohne doch schon einige Zeit hier und habe Einsicht in manche Dinge, die von Aussen schwer ersichtlich sind, Kalash wissen oft nicht was wie veraendert werden kann. Speziell Frauenthemen sind heikel.
Mal sehen was draus wird.
Viel Arbeit fuer 5 Stunden. Und natuerlich musste ich die wichtigsten Mails lesen und beantworten und meinen Laptop abholen, der mehr schlecht als recht arbeitet, aber wenigstens kann ich schreiben und Musik hoeren – die Musik die uebrig ist. Der gute Mann hat zwar seine ganze Erfahrung eingesetzt und viel getan, dabei aber 6 GB Musik verloren. Pakistan eben.
Ich dachte nicht dass es hier jemals stressig wird, aber die Chitral Besuche haben es immer in sich. Der Jeep faehrt – wenn er fahrt – um 8 Uhr morgens, 1,5h nach Chitral und um ca. 3 Uhr zurueck.
Der Polizist, der jetzt grade bei mir ist hindert mich wenigstens nicht. Die anderen mussten zusaetzlich immer bei Laune gehalten werden.
Einmal musste ich sogar im Internetcafe sitzen bleiben und andere Leute, namentlich Shah Hussain und Imran, schicken um Dinge fuer mich zu erledigen. Ich habs nicht gerne Leute zu schicken, wenn ich selbst arbeiten koennte. Es machte mich leicht unvertraeglich.
Die ganze Securitygeschichte fing harmlos an.
3 Polizisten erschienen in meinem Haus und fragten um die Registrationspapiere – welche ich nicht hatte. Mir wurde vorher gesagt, im Winter brauche ich sowas nicht, weil sowieso in den Taelern keine Polizisten zu finden waeren. Touristen sind im Winter nicht vorhanden, somit haben diese Leute frei – naja, sie sitzen halt irgendwo anders und drehen Daumen.
2 Monate hatte das niemanden gestoert obwohl ich sogar mit dem Registrationsheini geplaudert habe. Nun schien es sehr eilig. Wir machten uns also sofort auf nach Ayun. Dort sammelten wir den Heini ein und weiter gings nach Chitral. Um 5 Uhr abends sind die Bueros geschlossen, er sperrte eigens auf. Ein kleine Hindernis tauchte auf. Ich brauchte meine Passport und Visakopie, die im Laptop gespeichert waren. Dieses vermaledeite Ding wollte aber nicht funktionieren. Die Originale waren in Biriu. Mit einem Securityguard gings also nachts zurueck nach Biriu. Am nachsten Morgen wieder nach Chitral. Als alle Papiere ausgefuellt waren – was einige Zeit in Anspruch nahm war es vorbei. Ich durfte als freier Mensch zurueck nach Hause. 3 Tage spaeter tauchten wieder 2 Fritzen auf. Ich bekaeme einen Guard. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung von Cartoons. Zumindest nicht von Mohammed Cartoons. Mir war alles schleierhaft. Ich schrieb einen Wisch in dem ich erklaerte, dass ich keinen Security Guard brauche. Die Maenner zogen ab. Nach 4 Stunden waren sie zurueck und meinten ich muesse diesen Zettel in Chitral vor den Augen des Polizeidistriktchefs unterzeichnen. Noch mal nach Chitral? Ich muss das alles zahlen meinen Herren. Ich komme in 3 Tagen, da muss ich soewieso hin. Murrend schlichen sie heim.
Bei diesem Besuch durfte ich dann hoeren, dass alle Zettel nichts helfen, ich werde einen Schatten bekommen. Im Internetcafe – wo ich gnaedigerweise warten durfte bis meine Freunde die Matratzen und Toepfe fuers Baishali gekauft hatten – las ich dann von den Cartoons. Die Homepage des oesterreichischen Aussenministeriums verbreitet Horrormeldungen, von vorn bis hinten falsch. Es gab Demonstrationen, Ausschreitungen, Streiks, ja. Von gesprengten Touristenbussen aber keine Spur. Sher Alam, der Lehrer, der mir beim Schulbau soviel geholfen hat und immer noch bei jeder Tat helfend zur Seite steht, war zu der Zeit in Peshawar. Er erzaehlte von Demos, kaputten Shopfenstern, gesprengten Mobilanbieter Geschaeften und Traenengaseinsaetzen – eine Demo halt. Leider.
Er wusste zu der Zeit nicht was Traenengas war, er sagte nur, dass die Armee irgendwas verspruehte und er dann 2 Tage geschlafen habe, nichts sehen konnte und Kopfweh hatte. Ein Freund – ein Moslem, bot ihnen Unterkunft und Hilfe an.
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Die Registrationsheinis waren nur wegen diesen Dingen ploetzlich so agil. Die ganze Chitralfahrerei hatte ich diesem netten Daenen zu verdanken. Keine Angst, ich weiss immer noch was Pressefreiheit, Meinungsfreiheit etc. sind. Ich mag es nur nicht, wenn sie fuer Provokationszwecke verwendet werden.
Von diesem Tag an gaben sich hier die Guards die Klinke in die Hand. Manchmal sind sie ganz ok, ein andermal wieder laecherlich laestig. Bei Nacht verschwinden sie irgendwo hin, tagsueber rennt er mir bis zum Klo nach, oder setzt sich in die Wiese, wenn ich zuviel laufe – wie es beim Geldeinsammeln der Fall war. Da war er ploetzlich zu faul zum “Duty ausfuehren”.
Der jetzige ist ok, sitzt im Zimmer und laesst mich laufen wohin ich will. Abends tanzt und singt er mit uns und raucht Haschisch, wie hier fast alle. An den unmoeglichsten Plaetzen wird hier von den unmoeglichsten Leuten ein Ofen gedreht und genuesslich inhaliert. Legal ist es nauterlich nicht, aber wen scherts, wenn der oberste Polizeichef in Hinterkammerl, die Bezirksrichter am gemuetlichen Abend bei Wein in Biriu, Doktoren und Lehrer waehrend der Pause ebenso kiffen.
Meinen Guard sicher nicht.
Ich lebe also relativ frei nun.
Langweilig wirds sicher nicht, zwischen all den Projekten, Patienten und “Familienmitgliedern” laufen wir das Tal ab um Information ueber diese laestige “Bird Flu” zu verbreiten. Die Pakistanische Regierung hatte lange die Position bezogen, dass es hier keine Vogelgrippe gaebe. Dass man hierzulande allerdings nicht die Tests ausfuehren kann, um den H5N1 Virus nachzuweisen – mit Betonung auf den fuer Menschen gefaehrlichen N1 – haben sie unter den Teppich gekehrt. Die Gefluegellobby ist hier realtiv stark, sie breitet Druck auf die Regierung aus mit Regressforderungen fuer den Verlust. In einem Land das 85% seines Budgets fuer die Armee ausgibt um den Todfeind Indien abzuschrecken gibts aber wenig Geld fuer ein paar kranke Vogerl. Es ist billiger, das Problem zu verleugnen. Was sind schon Menschenleben in einem Land, wo viele nicht mal regisitriert sind. Die scheinen international ja gar nicht auf. Der Ruf nach Aussen ist hier groesste Sorge. Was sich innerhalb der eigenen Grenzen an Problemen, Leid und Armut abspielt ist nicht so wichtig, so lange er eben diesen Ruf nicht stoert. Es gilt hauptsachlich Amerika freundlich zu halten. Immerhin sponsert die Regierung der Vereinigten Staaten die Pakistanische Armee. Ich musste lachen als ich Shaukat Aziz (Paki Aussenminister) und Bush im Fernsehen ewige Bruederlichkeit ausrufen hoerte. Shaukat bedankte sich fuer die finanzielle Hilfe im Bildungs- und Gesundheitsbereich – wo nie Geld angelangt ist.
Nun hat sich das Blatt gewendet. In der 1-Woche-alten Zeitung, die hier grade auftauchte, beschweren sich die Pakis, dass Bush den Indern viel mehr versprochen haette. Soll Pakistan den immer hinter Indern herhumpeln? Eine bodenlose Frechheit. Ansonsten verbreitet dieses Blatt nicht viel Wissen.

Ich verlier schon wieder den Faden. Wir waren grade unterwegs in “Mission Bird Flu”. Es war nicht sehr einfach die Leute zu ueberzeugen. Viren sind nicht einfach zu erklaeren fuer Leute die glauben, dass alle Krankheiten Gottes Wille sind. Mit einfachen Worten machten wir den Leuten schliesslich versteandlich wo der Hund begraben lag. Es ist fast ein wenig laecherlich ihnen zu sagen, sie sollen die Viecherl nicht essen, wenn sie ueberall rumlaufen, Kinder im Huehnerdreck spielen und die Finger nachher abschlecken. Wir versuchten die Gefahr deutlich zu machen, mal sehen ob’s hilft.
Die ganze Hygiene und Reinlichkeitssituation gehoert hier gruendlich ueberholt. Ein Zweig der Strategie die IUCN ausgearbeitet hat ist eben dieses Projekt. Waschen ist im Winter kein Thema, es wird im Zimmer rumgespuckt, in manchen stehen Ziegen, Zaehne putzen und Haendewaschen sind nicht nur Fremdwoerter weil sie Englisch sind hier. Man schneuzt sich in die Finger und schmiert es waehrend der Unterhaltung auf die Sesselkante oder den Tuerstock. Kinder spielen im Huehnerdreck, Ziegen werden auf der Veranda geschlachtet, der Darm und Mageninhalt stroemt ungehindert aus und sickert langsam in den gestampften Erdboden. Die Kinder sitzen ohne Unterhosen mitten drin und spielen mit Darm, Sehnen, Kopf etc. Jeder hier hat Wuermer und/oder Durchfall und sonstige Krankheiten die mit ein wenig Reinlichkeit verhindert werden konnten.
Im Baishali (Frauenhaus), wo Kinder zur Welt kommen und Frauen mit Monatsblutung sitzen gibt es kein fliessendes Wasser, alle moeglichen Tiere laufen ein und aus und sch… in die Ecken. Fuer die Impfung von Kinder gibt es fuer die 3 Taeler 1 Krankenschwester, die im Winter wegen der kaputten Strassen nicht kommt. Viele Frauen oder Saeuglinge sterben wegen ungenuegender medizinischer und hygienischer Verhaeltnisse.
- ein kleiner Exkurs: Imran sitzt grade neben mir und versucht Deutsch zu lesen, ich muss alles uebersetzen. Er ist grade bei der Zeile mit dem Schneuzen und Schmieren angelangt – ich muss mir was einfallen lassen. Er macht das naemlich genauso und waere wahrscheinlich leicht gekraenkt wenn ich ueber sowas Selbstverstaendliches in dem Ton berichte. –

Aber zureck ins Frauenhaus. Ich bin froh ueber meine Hormonspirale wegen der ich noch eine gute Zeitlang keine Monatsblutung habe und nicht in dieses Haus muss. Ich wuerde mich vor Krankheiten fuerchten muessen die ich dort aufschnappen wuerde.
Eines der naechsten Dinge die zu erledigen sind ist die Wasserleitung ins Baishali. Die Leitungen sind von der Schule uebrig geblieben, Haehne, Kniee und sonstiger Klempnerbedarf liegen bei mir im Zimmer. Erst musste wieder der Rat der Aeltesten eingeholt werden. Geruechte gingen um. Das Wasser bzw. die Quelle sei “onjesta”, heisst das Wasser darf nicht zu einem unreinen Ort wie dem Baishali. Nach Erklaerungen dass die Leitung weiter oben angezapft werden wuerde und das “unreine” Wasser nicht ins Dorf sondern direkt in dieses Frauenhaus geleitet wuerde, von wo es in den Bach geht in dem sich die Frauen ohnehin waschen, bekamen wir die Genehmigung. Einem der Senioren wurde grade ein Enkerl geboren und ein paar Hinweise auf dessen Gesundheit taten den Rest.
Obwohl ich mich wirklich zu Hause fuehle, die Traditionellen Gerichte und Brot machen kann, ein bisschen mitbekommen, was so rundherum gesprochen wird, mich im kalten Holzbad mit Betonboden und Lueftungsschlitzen direkt ins Freie mit einem Kuebel kaltem Wasser “duschen” kann – zur Not auch im Finsteren, meine Waesche im kalten Fluss wasche, wo ich auch Zoepfe flechten muss (duerfen aus religiosesen Gruenden nicht im Haus geoeffnet werden), mit Brot am Morgen, mittags und Bohnen oder Kaese am Abend ueberleben und sonstige Kalashbraeuchen folgen kann – diese Frauending ist nicht immer einfach.
Eine Freundin verlor ihr Baby im Frauenhaus nach dem 3. Monat. 1 Monat lang lavarierte sie im Baishali rum, weil sie wegen anhaltender Blutungen nicht in ihr Haus durfte. Dann kam sie mal zum Doktor, wieder zurueck in diese Krankheitsverbreitungsstelle genannt Baishali. 5 Monate lang hatte sie gesundheitliche Probleme. Jetzt gehts ihr wieder gut – Gott-sei-Dank.
Die Strom- und Wasserleitungen sind eine kleine Hilfe, aber bei Weitem nicht genug. Vor allem das Bewusstsein muss gebildet werden. Erklaeren hilft nicht viel. Abschauen ist besser. Ich predige meist nicht lang, weils nichts helfen wuerde aber wasche und putze oeffentlich. Ich werfe Abfall ins Feuer anstatt in draussen fallen zu lassen, wie es hier ueblich ist. Einmal hob ich ein gerade weggeworfenes Plastikpapierl auf und murmelte, dass es ins Feuer gehoerte. Auf die Frage “warum?” meinte ich, dass es gefaehrliche Inhaltsstoffe habe (vor allem in Pakistan) die in die Erde und somit in ihren Weizen und ins Essen gelangen. Ausserdem sei es nicht schoen, es wuerde lange Zeit rumliegen ohne wie Kompost zu verrotten oder von den Kuehen und Ziegen gefressen zu werden. Die Sache mit dem Weizen leuchtete ihm ein. Die einfache Antwort: “Dann schmeiss es in den Fluss, so kommts nicht ins Essen und bleibt nicht liegen.” ...
Mit dem Argument, dass es dann vielleicht in anderer Leute Essen und Trinken kommt war zu weit hergeholt und stiess auf verschlossene Ohren.
Aber es gibt schon ein paar Kinder, die ihren Abfall nicht mehr achtlos fallen lassen und sich vor dem Essen die Haende waschen. Langsam aber stetig gewinnt das Rennen.
Mit London hab ich viel ueber Reinlichkeit bei Saeuglingen gesprochen. Sie hat gerade einen Sohn geboren, ist kaesebleich im Gesicht wegen schlechter Ernaehrung und hatte 2 Wochen Dauerdurchfall. Ein Vitaminpraeperat hilft ihr ein bisschen und sie gibt ein bisschen mehr Acht auf Sauberkeit mit ihrem Sohn.
London ist nicht gerade ein gebrauchlicher Name hier, viel mehr ist sie die Einzige. Viele Eltern hier, die beeindruckt von der “Aussenwelt” sind (es gibt hier keinen Fernseher, internationale Nachrichten oder Zeitungen) geben ihren Kindern eigenartige Namen. So laeuft hier eine Lection Bibi rum (sie wurde am Tag der Wahl ihres Vaters zum Minderheitenvertreter auf unterer Ebene geboren; Election bedeutet in Englisch “Wahl”), ein “Dollar Khan”, ein “Engeneer” (Ingenieur), ein “Major Khan” und eben eine “London”, um nur einige zu nennen.

Langsam aber sicher beginne ich mir Namen zu merken, zu identifizieren wer in welchem Haus wohnt und wer grade nur auf Besuch rumsitzt. Meine “naechsten Verwandten” kenn ich beim Verwandschaftsgrad und auch den Großteil der Nachbarn – also das ganze Dorf, weil ein Haus auf dem anderen gebaut wird. Durch die vielen Ausfluege beim Geldsammeln und bei Informationskampagnen in ganzen Tal kenn ich auch alle Doerfer bzw. Haueser und fast alle Wege persoenlich. Saemtliche Kranke mit teils furchtbarer Vorgeschichte und einer Liste erfolgloser Behandlungsversuche im Provinzkrankenhaus haben sich auch vorgestellt. Ein Kind wurde nach tagelangen Schmerzen verursacht durch eine schwere Mittelohrentzuendung zum Arzt nach Chitral gebracht. Das Medikament war am uebernachsten Tag verloren, Eiter und Blut flossen noch 3 Monate lang. Jetzt hoert sie kaum und hat immer noch Schmerzen – nach 5 Monaten, die Ohren sind heillos verdreckt. Wir reinigten sie um zu sehen, ob noch frisches Eiter floss – die Mutter verneinte vorher. Nach einer Stunde (!) mit um Holzsplitter gewickelter Watte und heissem Wasser (ein Prozess der mehrere Zuschauer fesselte) war klar, dass von einer Heilung nicht zu reden war. Mein Freund der Arzt schenkte mir Medikamente. Nun ist sie wenigstens schmerzfrei, die Entzuendung ist abgeheilt. Ob sie wieder mal richtig hoeren kann ist fraglich. Fast ein wenig veraergert habe ich die Mutter gefragt, wie sie ihrem Kind 3 Monate zusehen kann, wenn es ueber Schmerzen klagt und Eiter samt Blut aus den Ohren fliesst. Verlegen fluesterte sie, dass kein Geld fuer Arzt und Medikamente vorhanden war. Nun war ich ein wenig beschaemt. 5 Euro sind hier ein Haufen Geld. Leute, die fast alles was sie zum Leben brauchen selbst produzieren, haben kein Bargeld. Wovon und wofuer auch? Die Kleine ist froh nun und versucht der Mutter auch taeglich zu erklaeren, dass sie ihr die Ohren putzen soll. Manchmal funktionierts, manchmal nicht. Warum Ohren putzen wenn die Schmerzen weg sind?

Zwischen all diesen Dingen, die sich aufwendiger anhoeren als sie sind, gibts immer Zeit irgendwo in der Sonne zu sitzen, zu plaudern, zu knuepfen, Karten zu spielen. Immer oefter kommen Leute und erzaehlen mir Geschichten – mittlerweile verstehe ich sie wenn langsam gesprochen wird und einfaches Vokabular verwendet wird. Sie haben grose Freude dran zu plaudern, von Europa zu hoeren – wie e wirklich ist. Viele Fragen sind einfach, aber einleuchtend. Aus dem taeglichen Leben. “Womit heizt ihr?” “Was waechst bei euch und welche Tiere gibts dort?” “Gibt es dort auch Kalash Leute?” “Wie laeuft eine Hochzeit/ein Begraebnis ab?” “Was ist eine Versicherung?” Manches ist einfach zu erklaeren, manches schwieriger weil Worte und Verstaendnis fehlen. Ein Ferwaermekraftwerk wird zu einem großen Haus in dem Feuer brennt mit langen Leitungen zu allen anderen Hauesern, eine Zuchtsau zu einem rosa Wildschwein ohne Fell mit viel Fleisch. Der Gedanke von Versicherung war nicht wirklich zu vermitteln. Warum soll jemand fuer Schaden zahlen? Wer wuerde das tun. Und warum sollte ich jeden Monat Geld zahlen wenn nichts passiert ist? Poltern und andere Braeuche finden großen Gefallen.
Dann erzaehlen sie Geschichten. Geschichten vom Dehar, der oben am Berg gewohnt hat, seiner Frau ein eigenes Baishali baute und nie ins Dorf kam weil er “Onjesta” war – er schwebte ueber dem Boden. Ein Dehar ist ein religioeser Fuehrer mit “Superkraeften”, Heilkraeften und der Faehigkeit, in Trance mit Gott Kontakt auf zu nehmen. Er wird ueblicherweise als Kind “erkannt” und ist dan Zeit eines Lebens Dehar. Der letzte starb vor ein paar Jahren, es gibt keine Nachfolger, angeblich weil die Kalash-Kultur nicht mehr rein ist.
Ich frage, wann dieser Dehar am Berg lebte. “Bata ne” heisst soviel wie “Keine Ahnung, Addresse unbekannt!” “Wieviele Menschenleben sind vergangen?” “Vielleicht 5 oder 7.” “Also ein paar hundert Jahre?” “Hm… nein! Er war der Großvater deiner nana (Tante, ist vielleicht 35 Jahre alt).”
Soviel zum Zeitgefuehl. Zeit ist hier nicht wichtig. Die Uhren gehen alle Stunden vor oder nach, der Sonnenstand reicht um zu wissen, wann es mittags und abends ist. Mehr brauchen wir hier nicht.

Fuer mich sind nun die letzten Tage hier angebrochen. In wenigen Wochen fliege ich voraussichtlich nach Bhutan um dort ein paar Monate zu arbeiten. Mir tut das Herzerl ein wenig weh wenn ich dran denke, hier weg zu gehen, aber im Sommer kehre ich zurueck. Wenn auch nur fuer kurze Zeit, dann gehts weiter nach Europa wenn alle “Plaene” klappen. Dann wieder nach Bhutan. Mal sehen was draus wird.
Ich freu mich jedenfalls auf einen Platz, an dem ich zu Hause bin. Ich fuehl mich wohl hier, koennte zu Hause sein, aber mit dem Gedanken im Hinterkopf, weiter zu ziehen ist es doch etwas anders. Reisen macht Spass, ich lerne soviel wie zuvor in keiner Schule, ich liebe die Leute, die Geschichten, die Gegend. Aber ein “Zu Hause” ist doch etwas Besonderes.

Alltag in den Kalash Taelern:

jan feb 06

Einige Kalash beschweren sich, dass es im Winter zu langweilig ist, aber die meisten wissen sich zu beschaeftigen. Holz wird gehackt wenn es gebraucht wird, nicht etwa im Voraus, neue Kleider werden angefangen, zum naechsten Fruehjarsfest sollen sie fertig sein – es ist also keine Eile angesagt, aber doch etwas zu tun (Yoshi steigt im Mai). Die meisten gehen „jekher“ – dorthin und dahin um diesen und jenen zu besuchen und die aktuellen Tagesthemen wiederholt durchzukauen. Es passiert nicht viel also dreht es sich meist um das Wetter, wieviel Schnee gefallen ist und ob die Jeeps fahren werden am naechsten Morgen. „Wann koennen wir endlich das heissgeliebte „Schneehockey“ anfangen? Der Schnee ist noch nicht ganz bereit!“ Schneehockey wird in 2 Mannschaften gespielt, Jede Mannschaft besteht aus gleichvielen Spielern, die in Abstaenden von ein paar hundert Metern im Tal rumstehen und darauf warten, dass ihnen der Vorige mit kraftvollem Schuss den kleinen mehr oder weniger runden Holzball zuspielt, um dann weit auszuholen und zum Naechsten zu schiessen. Der Schnee muss fest genug sein, um den Ball zu tragen, sonst versinkt er immer im Schnee, was Zeit kostet. Manch trickreicher Spieler hat einen zweiten Ball in der Tasche und spart sich so die Suchzeit – aber er muss geschickt sein, denn die Gegner wachen mit Adleraugen. Wer als erster seine Ball im Ziel hat (im naechsten Dorf oder am Ende des Tales) wird von den Verlierern verkoestigt.
Jeden Tag wird ungeduldig geprueft, ob der Schnee nicht endlich hart genug sei, aber noch ist es nicht so weit.
Also wird ein anderes Thema hervorgekramt und eine weitere Runde (sehr) reifer Kaese gegessen und dazu klebrig suesser Milchtee getrunken. Beim Tee machen wird nicht umgeruehrt, der Zucker Tassen weise reingeschuettet was drin resultiert, dass – haette man einen Loeffel – er in den letzten Tassen von selbst stehen wuerde. Die Zaehne leiden merklich darunter, aber das wird hier nicht unbedingt auf den Zucker oder Karis zurueck gefuehrt.
Anderes Alltagsessen ist eher rar, Bohnen gibts wie Kaese jeden Tag. Mein Bauch gleicht einem Gasluftballon und ich komme mir vor wie ein Maschinengewehr, aber da alle immer Bohnen essen stinken gleich und keiner schert sich drum.
Zur Zeit ist „Eid“, ein moslemisches Fest bei dems taeglich Fleisch gibt, von morgens um 8 bis abends um 11 Uhr. Natuerlich mit allem drum und dran – Sehnen, Knorperl, Fett, Adern und was halt sonst noch so im Fleich mitwaechst.
Abends spielen wir Karten bis zum Umfallen, manchmal bis 2 oder 3 Uhr frueh. Tikka, Dali und Taj sind die eifrigsten Spieler, aber es kommen auch andere vorbei. In Faizis Haus wird ferngesehen, die Kids starren wie gebannt in die sprichwoertliche Flimmerkiste – die DVD Qualitaet laesst zu wunschen uebrig und Fernsehsender koennen in den engen Taelern nicht empfangen werden. Ich hab oft versucht Faizi zuerklaeren, dass die Gewaltaetigen Bolliwoodfilme mit Vergewaltigungen, Mord und Totschlag nicht unbedingt hilfreich sind bei der Kindererziehung, aber er erliegt ihren Betteleien immer wieder. Im Gegensatz zu den Kindern freue ich mich ueber Stromausfaelle...
In Biriu, wo ich jetzt endlich angekommen bin nach ewigen Verschiebungen spielt tagaustagein irgendeiner Sitar, Trommel oder Floete – viel mehr als in Bumburet, wo es einen Tag dauert, bis Musikprogramm arrangiert werden kann. In Biriu passiert es einfach, egal wohin man geht. Das „Valley of Music“ (Tal der Musik).

Jamel oder Baras Khan sind immer dabei mit Liedern und Sitar. Abends wird auch hier gespielt, in groesserem Stil als in Bumburet, wo das hauptsaechlich in meinem Zimmer stattgefunden hat.
Hier hat es ein „Hotel“ mit vielem leeren Zimmern. In einem steht ein Ofen und ein großes Karambolbrett. Mulititalent Baras Khan ist der beste Spieler und schnippt die kleinen Scheiben mit eleganter Leichtigkeit und verschmitztem Grinser in die richtigen Ecken. Er trainiert taeglich. „Um 9 Uhr kann ich noch nicht schlafen, also komm ich jeden Abend hier her...!“
Auch ich tu mir ein wenig hart mit 9 Uhr Bettruhe. Elektrizitaet hats nicht viel hier, also ist arbeit im zimmer beschraenkt. Es steht auch kein Ofen in meinem Biriu Zimmer, somit gehe ich schlafen – oder besser: versuchte ich mit der Family schlafen zu gehen, was in stunden langem rumwaelzen geendet hat. Von Bumburet bin ich lange Abende gewoehnt. Darum war ich auch um so gluecklicher, als Baras und Shah mir erzaehlten, dass auch im Winter im Hotel gespielt wird. Die naechsten Abende sind wieder etwas laenger.
Rabijan steht um 5 Uhr morgens auf und macht Fruehstueck, zu einer Zeit wos noch voellig dunkel ist. Ich versteh nicht ganz, warum, aber naja. Mir waren und sind die Morgenstunden im warmen Bett immer heilig. Langsam aufwachen und dann mal langsam anziehen, langsam waschen und langsam Tee trinken. Rabijan weiss, dass ich Nussbrot liebe und bereitet jeden Tag eines fuer mich.
Sie ist happy, dass ich da bin. Amersten Tag stant sie am Dorfrand um mich als erste Willkommen zu heissen, ihr Gesicht voll Freude aber auch Vorwurf wegen meiner langen Abwesenheit. „Wo warst du? Ich hab jeden Tag auf dich gewartet! Du warst in Bumburet hab ich gehoert. Gefaellts dir dort besser?“ Natuerlich nicht, daheim fuehle ich mich hier in Biriu in ihrem Haus immer noch viel mehr, aber es ergab sich halt so... sindagi – so ist das Leben...
Fuer die Frauen gibt es immer noch wie im Sommer die Urduschule, ich gehe wieder mit Rabijan gemeinsam hin. Immer noch der selbe Spass. Abends hocken wir ueber den Buechern – natuerlich nicht ganz so ernst wie das bei uns zugehen wuerde, aber mit viel Spass. Gegenseitig erklaeren wir uns die Buchstaben – Urdu Schrift ist nicht so einfach. Jeder Buchstabe wird – je nach dem wo er steht: Anfang, Ende oder in der Mitte des Wortes – geaendert. Lesen geht schon ganz gut, das Schreiben neuer Worte ist immer noch ein Mysterium fuer mich. Am naechsten Nachmittag gehts wieder zur Schule, langsam trudeln due Schuelerinnen ein. Einige erst nach einer Stunde, aber sie werden anders wie bei uns (...) mit Freude vom Lehrer begruesst. „Hey Baba, schoen das du auch gekommen bist. Komm her und mach mit!“ Das Ende der Stunde wir von Gesang und Tanz beschlossen, ein gelungenes Projekt.
Rabijan ist immer zu Scherzen aufgelegt und leitet meist die Gesaenge und Taenze mit bewundernswert natuerlicher Authoritaet. Ihre 2 Kinder haben diesen natuerlichen Charme geerbt. Mit Masran koennte ich stundenlang spielen – was wir auch taeglich zelebrieren, Arif, der Sohn spielt lieber Karten, was uns auch einige Stunden zusammen verbringen laesst.
Hier blinzelt die Sonne schon ein wenig frueher hinter den Bergen vor. Um halb zehn scheint sie voll. Die Frauen sitzen in den warmen Strahlen und weben Guertel oder Hosenbaender, spinnen Wolle oder arbeiten schon am neuen Piran (Kleid) fuers Fruehjahrsfest.
Ich habe wieder angefangen, die in meiner „Jugend“ so beliebten Freundschaftsbaender zu knuepfen. Die Technik ist hier unbekannt, aber Wolle gibts genug. Die Frauen und Maedels bedraengen mich fuer jeden eines zu knuepfen und es ihnen moeglichst schnell zu lernen. Rabijan hat sich schon fuer ein besonders langes angemenldet, welches sie auf den Piran aufnaehen will. Selbstgemacht scheint doch besser als die glaenzenden von Shop. Sie will es lernen und den ersten Piran mit handgemachten Baendern versehen. Das wird viel Muehe kosten, da einige Meter verarbeitet werden sollen.
Manchmal versuche ich abends auch zu knuepfen, aber da das Feuer in meinem Zimmer mehr Rauch als Waerme entwickelt brennen nach 5 min die Augen. Jede Nacht muss ich mich – schon fest in den warmen Schlafsack gekuschelt - entscheiden, ob ich faul liegen bleibe und riskiere an einer Rauchgasvergiftung zu sterben oder meinem Leben zuliebe kurz raushusche und frische Luft samt Kaelte durch die Tuer lasse. Falls ihr also mal laengere Zeit nichts hoert bin ich friedlich entschlummert...
Die Kalash scheinen gegen Rauch voellig immun zu sein. In Zimmern, wo ich die Hand vor Augen nicht sehe und keine 5 min bleiben kann weil Lunge und Augen protestieren sitzen sie vergnuegt und tratschen stundenlang seelenruhig vor sich hin. „komm doch rein Baba, draussen ist es bitter kalt!“ Sie verstehen nicht dass ich manchmal Kaelte vorziehe.
Sie selbst sitzen eng um den gleuhend heissen Ofen, dem keine Minute Pause gegoennt wird. Traditionell steht ein aus ein paar Platten Quader foermig zusammen geschweisster Ofen in der Raummitte. Die Deckplatte ist leicht nach aussen gewoelbt, prakitisch fuer die duennen Brote, die direkt am Ofen gebacken werden.

Ein Loch mit Deckel befindet sich im letzten Drittel der oberen Platte, hier wird der wichtigste Kochtopf aufgestellt.
Gegenueber der Tuer sind grob gehauenen Holzplanken als Regal an der Wand befestigt. Toepfe, Tee, Becher, Koerbe und alle Kuechenutensilien sind hier chaosmaessig aufgestapelt.
In einer hinteren Raumecke steht eine Holzkiste als Lager fuer Essbares. Das groessere Lager befindet sich ausserhalb des Hauses. Ein paar Latten werden zu einem ca. 8m² goßen „Bast“ zusammen genagelt. Hier lagern Kosetlichkeiten wie getrocknete Trauben, halbverfaulte schlechtgetrocknete Tomaten, Kuerbisse, Reis, Bohnen, Joghurt und Butter.
Ins Haus werden nur temporaer Lebensmittel geholt.
An den Wanden des ca. 20 - 25m² grossen Raumes stehen die ueblichen Seilbetten, reichbestueckt mit Flohdecken. Fenster gibt es selten, oft eines in der Decke um ein wenig Licht reinzulassen. Zwischen den Holzpfeilern (siehe Skizze) sind Schnuere gespannt auf denen alles Moegliche eher achtlos „aufgehaengt“ wird. Naegel werden ueberall dort eingeschlagen, wo es noetig ist und gerade ein Haken gebraucht wird. Fuer den Boden verwenden die Kalash gestampfte Erde, manchmal in der Raummitte it Decken oder Matten ausgelegt, manchmal nicht. Staub ist ueberall, ich hab versucht ihn in einem Anfall europaeischer Reinlichkeit loszukriegen. Nach einer Stunde musste ich mich wegen Aussichtslosigkeit geschlagen geben. Es wird von Asche, Wasser, Schalfen, Spucke, Mist und sonstigen unbrauchbaren Dingen alles einfach auf den Boden geworfen –

Manchmal kommen Blut und Darminhalt geschlachteter Tiere dazu – alles kein Problem. Die Kinder machen vor die Haustuere – Mami kommt hinter drein, hebt den „Haufen“ mit ein bisschen Erde vom Boden auf und wirft ihn ueber die Verandabruestung – auf den Weg. Hygiene ... nein, darueber reden wir jetzt nicht. Eines der aussichtslosen Dingen hier.
In moslemischen Haeusern wird vor dem Essen Wasser zum Haende waschen gebracht, in den Kalash Haeusern wird diese „Pingeligkeit“ belaechelt. Einmal bitte ich um Wasser zum Waschen, weil meine Haende wirklich vor Dreck stehen und Mahlzeiten mit den Haenden gegessen werden. Rabijan sieht mir erstaunt ins Gesicht und fragt allen Ernstes, ob ich konvertieren will. Das sei ein laestiger Moslembrauch.
Ich erklaere ihr mit ebenso grossem Ernst, dass fuer mich Hygiene vor Religion kommt und mein europaeischer Magen traditioneller Weise nicht ganz so viel Staub und Dreck vertraegt, weil ich als Kind nicht „abgehaertet“ sondern unnoetiger Weise eher sauber gehalten wurde, sie grinst und reicht mir die Wasserkanne. „Da, wir wollen ja nicht, dass du krank wirst..!“
Geschneuzt wird in die Finger und dann an den naechstbesten Holzbalken, den Sessel oder in den Schal geschmiert. Mhm!
Die Naechte werden wieder lang in Biriu, manchmal laenger als die Tage, taeglich spielen Jameel, Baras Khan und Co mit Sitar, Floete und Trommel, begleitet von Gesang und Gejohle der Zuhoerer die die Taenzer anfeuern. Es gibt immer einen Grund und wenn nicht wird einer erfunden.
Ich liebe es in Mitten der begeisterten Musikanten zu sitzen, den Takt zu klatschen, zu tanzen oder einfach nur zuzusehen, wie sich die Birila vom Sound of Music mitreissen lassen. Das Erlebnis ist unbeschreiblich. In einem Zimmer sind 43 Leute und immer noch bleibt Platz zum Tanzen und Spielen. Vor der Tuer stehen nochmal 20 Leute. Irgendwann bringt jemand Essen von irgendwo, manchmal kommt jemand kurz vorbei und wirft Suessigkeiten oder Nuesse in die Menge – die Kinder, die hauptsachlich zusehen werden wach und stuerzen sich wie ein Tornado auf die kleinen Leckereien.
Die Taenzer schreiten mal wie stolze Gockel im Takt, mal wirbeln sie wie wild im Kreis, feuern sich gegenseitig an (meist tanzen nur 1-2 Leute gleichzeitig), dann wieder springen sie wie junge Zicklein zur Musik. Der Raum ist heiss ohne Feuer, immer wieder wird die Tuer aufgerissen um ein bisschen frische Luft reinzulassen

Endlich habe ich auch die Schule gesehen. Sie ist wunderschoen. Die Lehrer bestaetigen mir, dass sie mit der offziellen Einweihungsfeier auf mich gewartet haben. Ich werde also versuchen bis Maerz hierzubleiben. Mal sehen was das Leben so bringt.
Rundherum und innen ist sie mit hellem Holz versehen, heimelig sieht ea aus, obwohl jetzt im Winter (3 Monate frei) Ziegenfutter drin lagert. Stolz empfangen mich die Doerfler und tun so als ob sie nie etwas anderes gewollt und taeglich alle mit Freuden gearbeitet haetten – fein.

Hochzeiten in Lahore, Winter bei den Kalash

14. nov 05 - 5. jan06

Ich werd immer fauler bzw immer oefter will ich mich nicht an den Laptop setzen sondern einfach die Zeit geniessen. Aber nun ist es mal wieder soweit, lange hab ich es aufgeschoben. Meine Zeit in Lahore hat mir wieder viel Freude, viel Interessantes aber auch viel Staunen gebracht, mir ein wenig die Augen geoeffnet ueber die Dinge, die hinter den Kulissen passieren.
Wir besuchen ein Konzert der Leipziger Barocksolisten aus dem Gewandthaus Leipzig.

Ich geniesse, die Musik laesst mich wegschweben. Javed hatte die Musiker vorher durch die Stadt gefuehrt, worauf sie uns (ihn, seine Frau und mich) eingeladen haben. Ein eigenartiges Erlebnis. Pakistanis sind nicht wirklich an europaeische Klassik gewoehnt und werden nach dem 2. Lied schon etwas unruhig. Die meisten haben Kontrabass, Geige, Oboe und Orgel noch nie gesehen. Die Bitte des Tuerstehers an jeden Einzelnen beim Eingang, das Handy abzustellen wird nur von jedem 2. verstanden und vom jedem 3. eingehalten, so duerfen wir zu Haendel, Teleman & co auch die neuesten Klingeltonhits mithoeren. Die Unterhaltungen im Publikum steigern sich langsam von andante zu allegro, die Presseheinis, die absolut kein Benimm kennen, schwanzeln staendig vor der Buehne rum - auf und ab, vorwaerts - rueckwaerts, blenden alle mit ihren Scheinwerfern, das Blitzlichtgewitter nimmt natuerlich nicht ab wie angekuendigt. bis dann eine aus der angrezi communitiy (Auslaender) aufsteht und allgemein um Ruhe und die Pressefritzen bittet, sich nun zurueck zu ziehen. Am Foto merkt eh niemand, welches Stueck grade gespielt wird, sie haetten nun genug Material. Zustimmendes Klatschen aus der angrezi community. bei den Pakis ruft das nur unglaeubige Blicke hervor. Was ist denn da los? Die Musiker zeigen großes Einfuehlungsvermoegen, als die Pakis bei den unmoeglichsten Stellen klatschen; machen kurze Kunstpausen wo eigentlich keine hingehoeren und grinsen hoeflich aber leicht irritiert in den dunklen Saal.
Beim 3 letzten Lied wird dann die Wanderbewegung im Publikum staerker als eh schon zuvor, 1/3 ist schon weg, das 2. Drittel gerade in Bewegung. Ich frage Javed was das soll, er meint "I attended only one concert where all stayed till the last song. That’s Pakistan. "
Na gut. Der neue Praesident der Hermann Boell Stiftung hier in Lahore raunt mir nach dem Konzert zu: "Ich hoffe wenigstens ein paar von den 200 Pakis haben ein bisschen verstanden worums ging. I doubt it. "
Die Musikanten waren ganz erstaunt, dass Pakistan so ein schoenes Land ist - ganz anders als bei uns in den Medien praesentiert. Sie moechten wieder mal kommen.

Als wir nach Hause kommen ist die Mutter sauer. se haelt Salma (javeds frau) vor, dass sie nur luxurioesem Leben froent und nicht mal ihrem Schwiegervater Essen gemacht hat. Die Mutter selbst sorgt nicht fuer ihn, Essen war da, sie haette es nur rausschoepfen muessen. Er hat sie frueher geschlagen, war nicht grade der Ehemann oder Vater den man sich wuenscht. Er war einer der besten Tabla Spieler in der Gegend, noch heute reden die neuen Groessen des Tabla-spielens in hoechsten Toenen von ihrem Lehrer. aber sie
besuchen ihn nicht mehr. Er stinkt, laesst Urin und Kot dort fallen wo er grade ist. die Familie haelt ihn zu Hause. Ich frage Javed, ob er einen Schlaganfall oder so etwas hatte, weil er ganz wackelig auf den Beinen ist, nicht deutlich spricht, nicht wirklich am Geschehen teilnimmt. Er liegt entweder auf dem Dach oder im dunklen Zimmer. Er meint nur "No, he started passing urine in public, I was very ashamed when people watched me cleaning the road so we kept him at home."
Damit hat der Verfall begonnen. 2x die Woche geht Javed mit ihm runter in die Strassen. Mehr Zeit hat er nicht. Ich hab ihm vorgeschlagen, ihm mehr tun zu lassen, gehen ueben am Dach, reden, Zeitung lesen lassen – ihn einfach beschaeftigen. Je langweiliger ihm ist, desto mehr pinkelt er sich an. Den Nachbarn erzaehlt er in ganz gut verstendlicher Sprache, dass niemand mit ihm spricht, dass er keine Kleider kriegt etc. Als ich zum ersten Mal hier war hat er sogar (fast) nie ins Zimmer gepinkelt. Er bestraft sozusagen seine Familie auch ein wenig, weil sie ihm nicht genug Aufmerksamkeit schenken.

Ich hab Javed nun ueberredet, dass ich dem Vater Tablas kaufen darf. Den Vater hab ich gefragt, ob er gern spielen wuerde und es mir auch beibringt. Sofort hat er angefangen zu smilen, mit den Fingern am Eisenrahmen seines Charpois zu ueben. Er freut sich. Zum ersten Mal waescht er seine Haende selbst, als Javed Wasser zum Rasieren bereit stellt. Mal sehen. Vielleicht wird so auch der Hausfrieden wieder ein bisserl besser hier.

Am selben Abend, als wir heimkommen ist ploetzlich die ganze Straße in Aufregung. Jemand wurde erschossen. Javeds Mutter hat neben Schipftiraden ueber die faule Schwiegertochter auch gleich den Strassenklatsch mit gebracht. "Während ihr weg seid und euch amusiert werden hier Leute umgebracht, fuerchtet euch, macht die Fenster zu, geht nicht raus!" Javed hat allerdings auch seine Quellen und weiss, dass (noch) nichts passiert ist. Streitereien ja, gezielt wurde auch schon, aber nicht abgedrueckt. Nun seien die Streithanseln (es geht ums Spielen) in eine andere Gegend abgezogen. Am naechsten Morgen erfahren wir, dass dem "Unmuterreger" wirklich nacher noch in den Fuss geschossen wurde. Als Javed seiner Mutter erzaehlt, dass sie sich beruhigen soll, weil ja noch gar nichts passiert ist und nicht alle unnoetig in Angst und Schrecken versetzt werden muessen, meint sie nur knapp: „Woher willst du das wissen, du warst ja gar nicht da!" Er wird noch einen steinigen Weg vor scih haben, wenn er wirklich Tour Operator weden will. Dann werden sie oefters raus zu Meetings muessen, Abendveranstaltungen etc.

Das es nicht ganz ungefaehrlich ist hier hab ich schon gewusst. aber als wir die Kids von der Schule abholen (immer helle Aufregung, weil noch nie eine angrezi in der kleinen Schule war) sagt Javed ploetzlich "Schau mal den Burschen dort im roten Hemd an im Vorbeigehen, (ca. 18-20j) ich erzahl dir dann was.... Er hat mal ein junges Maedel bezirzt, sie war dmals in der 7. Klasse - heisst 12jahre alt - ihr Vater war sehr religioes, so konnte sie nie raus, musste sich sogar in der Schule verschleiern, wurde mit dem Auto hingebracht etc. Der Bursch hat sich "verliebt", sie haben sich gegenseitig gesehen (durchs Fenster), sie hat sich auch verliebt. Irgendwann nach ein paar Monaten haben sie den Plan gefasst, gemeinsam auszureissen. Er hat Schlafmittel gekauft, sie hat ihre Family damit gefuettert und um 3 Uhr nachts sind sie mit einem Bus in eine 2h entfernte Stadt zu seinen Freunden gefahren. Dort hatten sie 2 Tage lang Sex, bis die Family sie gefunden hat. Das Maedel war verliebt, sie meinte nur: „Wir sind jetzt verheiratet!“ Doch der Bursch war da anderer Meinung. Er wollte bloss etwas Spass. die Familie des Maedels wollte ihn im Gefaengnis sehen, aber sein Vater hat alle ueberzeugt, dass so nur Schande ueber die Familie gebracht wuerde und ja eigentlich die Tochter die Hure ist, weil sie zugestimmt hat. Das ganze war vor: 4 Monaten. Er prahlt jetzt bei seinen Freunden, das Maedel hingegen muss fuerchten, nie verheiratet zu werden bzw nach der Hochzeit sofort wieder geschieden zu werden, weil ja kein Blut auf dem Bettlaken sein wird, weil sie ja keine Jungfrau mehr ist. Ganz zu schweigen von der Missachtung ihrer Familie.
Ich frage Javed, wie das genau vor sich geht, was der Mann wirklich weiss in der Hochzeitsnacht. Er weiss nichts. Die Mutter oder eine Tante kommt am Morgen und sieht nach, ob Blut da ist. Meine europaeische Nuechternheit hat mich sagen lassen: „Sie soll sich halt in den Finger schneiden oder ums nicht ganz so auffaellig zu machen: mit der Nadel stechen. Sie koennte sich auch wieder zunaehen lassen.“ All diese Dinge haben ihn sehr erstaunt. Er wirds aber nicht weiter erzaehlen, sonst wuerden die Examinations nach der Hochzeitsnacht wahrscheinlich fortan etwas strenger ausfallen. Als ich ihm dann noch erzaehlt habe, dass es moeglich ist, dass einfach wenig Blut kommt oder irgendwo am Koerper haengen bleibt oder das Jungfernhaeutchen beim Sport eingerissen ist, ist er vollends verwirrt. "Heißt das, dass vielleicht manche Maedels ungerechtfertigter Weise wieder geschieden wurden? ....
Um gleich in die Praxis ueberzugehen: Bei den Nachbarn ist Hochzeit. Am ersten Tag - namentlich Mehndi -sitzt ein Haufen Maedels im Vorhaus der Braut, sie singen und musizieren ein paar Stunden lang. Dann kommen Kids mit Tellern auf denen sich Mehndi (henna) Creme befindet. Das Ganze wird am Boden gestellt, gefilmt, weggebracht. Ein bisserl was wird dann der Braut, die fuer 10 min erscheint, auf die Handflaechen geschmiert oder kunstvoll gezeichnet. Sie sitzt in einem reichverzierten (Kitsch-)Stuhl, erhaelt kleine Geldgeschenke und sieht furchtbar traurig aus.
Javed hat erzaehlt, dass alle Frauen bei der Hochzeit furchtbar ungluecklich sind, weil nur der neue Ehemann allein entscheidet, wann sie ihre Eltern/Verwandten sehen darf - meist nur alle paar Monate, auch wenn sie oft in der selben Strasse wohnt. Ehemaenner lassen ihre Frau nicht gerne aus dem Haus, schon gar nicht zur Family, weil die ihr nur Flausen in den Kopf setzt - zb dass sie verwoehnt wird und dann nicht mehr arbeiten will im neuen Haus.
Er hat mir auch gesagt, dass in der ersten gemeinsamen Nacht (= die 2. Nacht der Feierlichkeiten. Der 2. Tag heisst "barat", der Ehemann holt sie zu sich; 3. Tag "valima" meint soviel wie: Feier der erfogreichen Erledigung aller Traditionen) der Ehemann seiner Frau eine "Lektion" gibt, bevor der Sex beginnt. "Du wirst meine Eltern ehren, du wirst alles machen was sie sagen, du wirst fuer mich sorgen, fuer meine Familie, fuer meine Verwandten und nie widersprechen. Wenn du das alles einhaeltst werde ich dich manchmal zu deinen Eltern bringen, aber frag niemals danach. Sollte etwas nicht passen, werde ich dich schlagen....", dann beginnt der Sex...

Warum das bei allen so ist? Es ist Tradition, das die kuerzlich verheirateten Maenner den Braeutigam zur Seite nehmen und ihm sagen "Du hoer mal, bevor du mit dem Sex beginnst musst du ihr eine Rede halten, und zwar..."
Auch Frauen erzaehlen der Baut, dass es bestimmt eine "Lektion" geben wird, und sie in Gottes Namen einfach ja sagen soll, egal welchen Schwachsinn er verlangt - sonst kommts nicht zum Sex und sie wird am naechsten Tag moeglicher Weise wieder geschieden.

Und das ist ja das Wichtigste. Nicht nur fuer den Braeutigam. Nein. Im Nebenzimmer wartet ein "erfahrener, kleverer Verwandter", maennlich oder weiblich von der Seite des Braeutigams, der am Morgen das Leintuch ueberprueft. Wo ist das Blut...? - Gibts keines wird sofort die Scheidung eingeleitet. Viele Maenner haben keine Ahnung, was sie in der Hochzeitsnacht machen, nicht mal dass Blut "da sein muss". Sie wissen nicht, dass das weh tun kann. Selbst Javed sagt, er hatte keine Ahnung als seine neue Frau kurz Schmerzen fuehlte. Er hat ihr liebenswuerdiger Weise den Ruecken massiert. aber nur weil er Angst vor der Tante im Nebenzimmer hatte. Sie haette ihn ja schimpfen koennen, weil er etwas falsch gemacht hat. Das wollte er tunlichst vermeiden.
Ich will gar nicht wissen, wievielen Frauen unwissentlich wehgetan wird, egal wie, ohne es auszureden, nur weil sie nicht als "unerfahren" - nein das ist das falsche Wort, unerfahren muessen sie ja offiziell sein - also unwissend oder ungeschickt gelten wollen.

Die alten Frauen tuscheln dann bei der Valima Feier sowas wie: "Sieh dir an wie sie geht, sie wurde sicher entjungfert, alles ist gut."

In der Ehe hat sie dann eher nix zu lachen. In den traditionellen Gegenden (das sind außer den posh areas in den wenigen Großstaedten wie Karachi, Lahore + Islamabad alle) erwarten Schwiegermuetter, Schwestern etc, dass der eigene Sohn, Bruder etc. die Frau so behandelt, wie sie behandelt werden/wurden. also Schlaege!
Das ist ein echter Teufelskreis. Javed gesteht, ihm wurde am Anfang staendig zugeraunt: „du weisst, der hat mich geschlagen, wenn ich das oder das getan habe - schau: deine Frau tut das auch. Und du? Du Waschlappen laesst sie? Das ist Verrat an deiner Mutter/Schwester...

Ziemlich heftig, das zu wissen. Gerade bei so Haufenansammlungen wie Hochzeitsfeiern, wo ich dann all diese Frauen sehe die hinter den Tueren angeblich geschlagen werden und entsetzlich ungluecklich sind.
Mich wunderts dann gar nicht mehr, dass sie Stunden brauchen, um sich fuer so ein aussergewoehnliches Event, wo sie endlich mal raus koennen - natuerlich nur unter Frauen, aber halt raus - ins Nachbarhaus - huebsch zu machen.
Ich weigere mich am Anfang standhaft, tische ihnen von Hautallergie bis Knieproblemen alles an Ausreden auf, bis sie auf alles eine Antwort finden und ich schliesslich geschminkt wie ein Papagei, mit Goldglitzergewand und Hakenschuhen ins Nachbarhaus wackle - zur Freude aller Anwesenden. Ich muss mich ja nicht ansehen und wenns ihnen gefaellt...

Nach dem ganzen Gesangszirkus wird endlich die herbeigesehnte Soundanlage aufgestellt und die Nachbarschaft mit Hilfe von Subwoofern und schlecht eingestellter Anlage im Basssound versenkt. Es ist ein Uhr nachts. Wie auf ein Stichwort rennt die ganze (nicht vergessen, immer nur Frauen) Gesellschaft aufs Dach, wo das "Buffet" steht. Reis und Dahl. Ich hab so dunkel eine Lied in Erinnerung, irgendwas mit: „aber bitte mit Sahne“ und „Schlacht am Kuchenbuffett..." Kuchen gibts zwar nicht, aber „Schlacht“ kommt ganz gut hin. Das selbe Theater wie beim letzten Mal in Chitral bei der Hochzeit. Wie eine Heuschreckenplage fallen sie ueber die Schuesseln her. Sie konnten es fast nicht glauben, dass ich mich einfach zur Seite stelle und den ganz Hungrigen mal Vortritt lasse. "why?" .. und schon wieder draengt eine nette Gaestin mit Ellbogen Technik nach vor um der angrezi Essen zu bringen...

Javed grinst vom seinem Dach aus rueber - sein Blick sagt: „Siehst du... darum lassen sie da keine Maenner rein, sie wuerden zertrampelt....“

Das ganze Hochzeitsspektakel ist hier wirklich ziemlich schraeg. Am naechsten Abend ist wieder eine "function" in der marriage hall - ich muss wieder in Kriegsbemalung rumlaufen. Die Maedels traeumen schon davon, mein Makeup machen zu duerfen.
Nach diesem Fest muss die Braut dann zum Haus des Braeutigams - in eine 3h entfernte Stadt. Das macht ihre Chance, die Familie haeufiger als 1x im Quartal zu sehen gleich null. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt...

Aber erstmal werde ich geschminkt und angezogen. Diesmal muss ich der „Visagistin" den Pinsel aus der Hand nehmen und will ihr zeigen, wie man bei uns Augen schminkt - so dass sie NICHT aussehen wie von Papagei oder einer Faust getroffen. Es bringt mir ziemlich boese Blicke und sogar Beschimpfung ein. "Tu das nicht, das sieht furchtbar aus..." ich musste fast lachen. Schon lange hab ich mich nicht mehr um diese Dinge geschert, aber es trotzdem mal gelernt, als ich selbst Kosmetikberaterin war und als Model gearbeitet hab. Drum weiss ich auch ziemlich genau, wovon ich genug hab. Als das Ergebnis sichtbar wird, staunen sie.
Ich behalte lieber fuer mich, dass ich mich mit der Kriegsbemalung vom Vortag bei uns (obwohl mir meist egal ist wie ich aussehe) NICHT auf die Straße gewagt haette - ausser zum Faschingsball...

Ich hab mich schon gewundert, wie sie an dem Abend (barat, meist in einer der vielen marriage halls) die Leute halbwegs puenktlich fuer alle "functions" hinbringen wollen. Die Loesung stand vor der Tuer. Ein Bus. 2 Straßen voll Freundinnen werden da rein gepackt - Maenner muessen selbst sehen wie sie hinkommen, fuer sie ists aber auch leichter, einfach auf der Strasse zu laufen.

Alles was vorher so lang aufgebuegelt wurde wird nun wieder zerquetscht. 5 quiekende, kreischende schreiende Frauen in einer bank. Dazu ein paar Kinder.
Das ist schon ein bisserl heftig. Von 5 "hilfreichen, bemuehten" Haenden werd ich durchgequetscht, gezogen geschoben. Als ob das Gedraenge rundherum nicht genug waere.

In der marriage hall sind dann in 2 separaten Raeumen Sessel in (engen) Reihen aufgestellt. Die Frauen setzen sich (ich rate mal die Maenner auch, aber die waren hinter der Mauer)
2h habe ich nun das Gefuehl, wir warten auf irgendwas, aber mir ist nicht genau klar worauf. Die 200 Frauen kreischen, schreien, lachen quietschen durcheinander - in Punjabi. Ich versteh kein Wort, es ist einfach nur laut. Meine Vorliebe fuer laute Menschenansammlungen kennst du ja - durchs Fenster noch der Laerm der Hauptstrasse - und dazwischen hundert Frauen die alle "hallo Isabella" schreien, an meinen Kleidern zupfen um meine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken und mir noch hundert andere bringen, die ich auch noch mit meinem miesen Urdu begluecken muss. Es soll Glueck bringen bei einer Hochzeit mit einer Angrezi zu reden Vor allem die Kids wollen 1000mal Handschuetteln. Ich hab dafuer normal eine Engelsgeduld, aber diesmal reichts nach 2 Stunden. Ich bitte Salma mir die Leute vom Leib zu halten, dann frag ich sie mal vorsichtig, was wir hier ueberhaupt machen. "Reden und aufs Essen warten" ist die einfach Antwort. "Wo ist die Braut?" "Die sitzt dort drueben in dem kleinen Zimmer" "Kommt sie mal raus?" "Ja bald."
Sie kommt nicht. Als das Buffet eroeffnet ist, stuermen wieder alle hin, haeufen sich die Teller bis zum Uebergehen - wie bei uns - vor allem weils Kulfi-Eis gibt. Hundert Haende schieben und quetschen mich zu den Leckereien. Meine Beteuerung: „Ich bin nicht so hungrig, ich wart mal bis der Ansturm vorbei ist und ich eine bessere Chance habe ohne blaue Flecken davon zu kommen", wir ignoriert. Rein ins Getuemmel - "Hast du das schon? Das musst du auch nehmen, du hast zuwenig von..., hier noch - ah ist schon da? Na macht nix..." Waehrend dem Essen stell ich mich mal taub - ein bisschen Frieden... Nachher liegen die Huehnerknochen am Boden rum - und das Gezerre geh weiter. 15min nach dem Festmahl gehen wir nach hause - wie fast alle anderen auch.
Die Braut war immer noch nicht heraussen - wir gehen ins Kammerl und sehen sie an. Traurig wie ein Haueferl Elend hockt sie in der Ecke.
Javed meint zu Hause nur: „Sei froh, dass ihr nicht laenger geblieben seid. Wenn der Braeutigam sie am Schluss holt und in sein Haus bringt heult der ganze (restliche) Saal. Weil sie eine Tochter, Freundin, Auntie, Schwester... verlieren und die Jungen weil sie wissen, dass es ihnen auch mal so gehen wird.
Die Eltern sind am naechsten Tag schon wieder ok. Nun ist ihre groesste Pflicht vorbei. Das ganze Leben der Tochter lang mussten sie "auf ihr Jungfernhaeutchen aufpassen" (Zitat Javed). Immer muss jemand bei ihr sein, nie darf sie unbeobachtet mit einem Mann irgendwo sein, nicht alleine rumlaufen, keinen Sport betreiben... und es wurde lange gespart, um die Hochzeit ueberhaupt zu finanzieren. Ein ganzer Haushalt muss als Mitgift gegeben werden. Wenns nicht reicht gibts keine Hochzeit.
Javed erklaert, es gibt viele Bemuehungen, diesen Brauch abzuschaffen, viele Buecher, Zeitungsartikel, Gedichte und sonstige Publikationen und Aufrufe - aber die Leute scheren sich einen Dreck drum. Viele Schwiegermuetter und zukuenftige Schwiegersoehne schreiben sogar eine Liste, was alles da sein muss und schaemen sich nicht mal so ausgefressen zu sein und ein Motorrad und Waschmaschine zu verlangen.
Heftig heftig.

Nach diesem Abend reichts mir jedenfalls. Ich wollte nicht Tanten von Hinz und Kunz begruessen und vor allem nicht staendig angetatscht werden. Selbst nicht von Frauen. Wir haben doch eine etwas andere Privatsphaere in Europa, mit der ich mich gar nicht so schlecht fuehle glaub ich. Ich kann mich einfach nicht daran gewoehnen, dass immer, wenn ich mal mit jemandem rede, lese, esse, lerne oder sonst was Sichtbares mache von der Seite am Hemd gezerrt werde oder mir jemand fordernd auf die Schulter klopft und meine Aufmerksamkeit SOFORT ohne eine Sekunde zu warten auf sich ziehen muss, nur um mir zu sagen "Dort 5 Reihen weiter vorne sitzt die Tante der Schwiegertochter der Frau deren 4 Kinder du gestern gesehen hast!"....

Irgendwo muss ich ein bisserl mehr Geduld lernen. Was fuer Europa mehr als genug ist um nie aus dem Gleichgewicht zu kommen reicht hier scheinbar nicht aus.

Aber etwas fuer mein Gleichgewicht hab ich begonnen - obwohls viel schwieriger ist als ich dachte.

Javeds Vater hat mir mit grinsendem Gesicht und doch wuerdevoller Miene die erste Tabla-stunde gegeben.
Er war sichtlich froh, nach 4 Jahren wieder spielen zu koennen, erst zaghaft mit eingesrosteten Fingern, dann immer besser - er wird noch ueben muessen um auf seine fruehers Koennen zu kommen, aber er wird das schon machen. Zain (der vor 4 Jahren, als Opas Tablas verkauft wurden erst 1 Jahr war) meint ueberrascht: „Wie hat er das so schnell jetzt gelernt?

Javeds Mutter ist grade nicht da, das passt besonders gut rein. Sie ist bei ihrer Tochter in Sargodha, also mal happy. Wenn sie heimkommt moecht ich fuer sie auch was bereit haben, weil ich mir schon ein wenig komisch vorkomme, dem alten "Schlaeger" etwas zu geben und ihr nicht. Sozialpaedagogisch gesehen braucht ers jetzt zwar dringender aber trotzdem.

Ausserdem hab ich eines nicht bedacht: Ich hab gesagt ich will lernen und kaufe dafuer die Tablas, damit es nicht heisst: „Wir koennten das Geld anders brauchen, fuer den Alten geben wir keine 1000Rp aus. Ich hab also erfunden, dass ich Tabla lernen will, gesagt dass ich fuer einen Kurs viel mehr zahlen wuerde und so kauf ich die Tablas die dann als "Kursgebuehr" ihm gehoeren. Ich hab eher gedacht, dass er spielen soll, ich hab eh nicht so viel Zeit um richtig Tabla zu lernen. Aber: er sieht es jetzt als erste Herausvorderung eine Schuelerin zu haben und ist maechtig stolz. Ich will mich nun doppelt anstrengen (wirklich geschickt bin ich ja nicht wenn ich einzelne Finger bewegen muss, meine afrikanische Jembe ist viel einfacher zu spielen) um ihn nicht zu enttaeuschen. Es waer ihm glaub ich peinlich, wenn ich es nun nicht ernst nehmen wuerde.

Na ja, ein Anfang ist getan und ich trommle nun auf jeder glatten Oberflaeche meine "Hausuebung". Mir gefaellts viel mehr, als ich erst geglaubt hab. Es hat zwar eine halbe Stunde gedauert, bis ich einen Ton mal so hingekriegt hab dass mein Lehrer zufrieden war, aber es wird....

An einem Abend trinken Javed und ich den Marpha Apfelbrandy, den ich aus Nepal mitgebracht habe. Mein Herr Gastgeber meint nach einer Weile: "Das Bett bewegt sich, alles dreht sich" ... "Bei uns nennt man das Hubschrauber..." grinse ich. "Ja, Hubschrauber.. hi hi. Aber ohne Pilot. So wie die von Indien. Die Inder fliegen immer als ob kein Pilot drin sitzen wuerde. Die Pakis haben gesagt sie wuerden Helikopter von Indien kaufen, aber keine Piloten.... hi hi ... und .. das Bett bewegt sich wirklich nicht?????“ „Nein.“ "Ich muss mich anlehnen..." *bummm* Kopf gegen Wand. "Nein, nicht anlehnen...."

Ich hab mich koestlich amuesiert. Mag das Brandy-zeug nicht so gern und hatte nur wenig, dafuer umso mehr zum Lachen.

Das Beste hab ich ja vergessen: den Anfang. Javed schenkt sich eine großen Schluck ein. Ich seh mich ein wenig ratlos um, weil die Glaeser immer gut versteckt sind (das Kuechen/Wohn/Schlaf/Ess/Spiel/Stuben-zimmer muss flexibel in der Einrichtung sein, so ist alles immer gut verstaut) er sieht meinem Blick nach, ploetzlich versteht er. Ein Glas muss her. Er ist es ja gewoehnt - so liberal er auch ist - seine Frau serviert. Nach dem die aber grade nicht da ist und er mich nicht warten lassen will, meint er mit weltmaennischem Grinser: "No problem - I have seen movies!"
Ich bin mir nicht ganz sicher was er meint. "Lass deine Augenbraue ruhig unten, ich wollte sagen: ich werde fuer dich einschenken. In Filmen schenkt immer der Mann fuer die Frau ein in eurer westlichen Welt."

Die Welt ist in Ordnung fuer mich in dem kleinen Zimmer, aber allzu oft hoere ich diesmal schreckliche Sachen oder muss sie selbst mitansehen. Mein Bild vom tollen „Joint-Family-System“ (Großfamilie) bekommt einen ordentlichen Knacks. Soviele Kinder hier werden geschlagen und angeschrieen, manchmal sind auch in den Joint Families "zuviele" bzw es wird nicht Zeit fuer den Einzelnen genommen um ihm ihr Dinge zu erklaeren. - die Zeit die ich auch mit "meinen" Kindern im Hort so vermisst habe, weils fast keine Zeit fuer die gerechte Foerderung des einzelnen Individuums gibt. Jedes Kind ist so verschieden und braucht einfuehlsame Zuwendung.
Ich zerbreche fast ein wenig an der Ohnmacht gegenueber diesem Schalgen und Schreien. Es ist schwer, Muettern, Tanten, Omas etc beizubringen, ihre Kinder mit Liebe zu erziehen.
Mit dem Argument, dass sie so nie freie Persoenlichkeiten werden koennen, komme ich nicht weit. Die Gesellschaft selbst verlangt hier, dass sie nicht frei denken sondern gehorchen - auch die Erwachsenen.
Und wie kann ich einer Frau, die selbst geschlagen wurde von Eltern und nun wird vom Ehemann (ausser Javeds Frau fast alle hier) erklaren, dass das nicht unbedingt gut sein muss, nur weils immer so war? Wie den Ehemaennern beibringen dass sie ihre Frauen nicht schlagen sollen, auch wenn es erwartet wird von deren Eltern. Und wie deren Eltern erklaeren, dass es nicht so weiter gehen muss wie in ihrer Generation. Sie sind zu eingefahren, zu alt zum Aendern und ich spreche zu wenig Urdu fuer dieses Projekt.
In den "moderneren Gegenden" wirds schon besser, aber in der Altstadt ist es so komplex, dass es fast kein Eingreifen gibt. Wenn ich sage: „Bitte hoer nun auf, es hilft nichts wenn du schlaegst!“, ziehe ich mir nur erstaute Blicke zu, im besten Fall hoeren sie momentan auf und schlagen dann, wenn ich meinen Hintern aus dem Zimmer drehe mal drauflos "fuer vorher, wo sie nicht schalgen 'durften' ".
Der Respekt gegenueber den Alten ruehrt nur aus dem Koran. „Du musst deine Eltern ehren, sie sind das Wichtigste und sie werden fuer dich beten damit du ins Paradies kommst!“ – Das wird ihnen von klein auf eingepruegelt (in buddhistischen Laendern nicht) aber Liebe ist das oft nicht. Eltern tyrannisieren ihre erwachsenen Kinder, schimpfen und schlagen sie immer noch wenn sie schon lange gross sind. Salmas Vater hat seine Frau vor 5 Jahren verloren, von ihm wird erwartet, dass er nicht wieder heiratet, er ist ungefaehr 50 und ziemlich verbittert.
Auch die Bettler, die hier von den Menschen in scheinbarem Mitgefuehl so umsichtig mit Geld versorgt werden, sollen beten, damit der edle Spender ins Paradies kommt – zu seinen Jungfrauen. Ich erlaube mir einmal die Frage, ob auch fuer Frauen „jungfaeuliche Knaben“ warten. Verwirrtes Staunen. Als ich dann mit Laecheln noch sage, dass Jungfrauen vielleicht gar nicht so gut sind, weil sie keine Erfahrung haben ist das Chaos perfekt. Antwort gibt es keine.

Ich spuere dass ich das nicht mehr lange aushalte, aber bald gehts nach Chitral zu den Kalash, da ist die Situation anders, liebevoller.

Am Weg ins Buero treffen Javed und ich einmal ein schweizer Paerchen, die fragen, ob man in den Sikh Tempel neben der Badshahi Moschee rein kann. Touris duerfen da eigentlich nicht rein, aber da ein Freund Javeds (Sikh) am Eingang steht duerfen wir rein, sogar ins Allerheiligste, wo gerade gebetet wird. Wir essen, bekommen Geschenke und Tee. Der Schweizer wird als Sikh "verkleidet" mit Turban, und den 2 Schwertern. Der Sikh erzaehlt, dass nach Gott ihre Waffen das Heiligste sind, sie beugen ihren Kopf vor ihnen - jeder hat ein langes Schwert und einen Dolch bei sich. Selbst das Symbol der Sikh besteht aus diesen Schwertern und einem Wurfstern. Hoert sich ziemlich brutal an, waren auch bekannt fuer ihre Kampfkuenste, diese Jungs aber untereinander sind sie sehr friedliebend.
Ein lustiges Detail am Rande: sie haben ein heiliges Buch, (Adi Grant) welches ein eigenes Schlafzimmer mit dem besten Bett hat, das ich hier je gesehen habe. Aircondition und Heizung sind im Zimmer - fuer das Buch. Es wird geglaubt, dass es "lebt" und daher auch schlafen muss. Als wir dort sind heisst es "bitte Ruhe, es schlaeft gerade" - unter 3 warmen Decken ueber die sich einige arme Lahoris sehr freuen wuerden in den kalten Naechten.

Nach dem Geburtstag von Javeds Tochter Javeriah beginne ich meine Reise gen Norden. Taj ist zufaellig in Peshawar, er holt mich ab und bringt mich zu einem Haus eines Freundes, in dem 3 Kalash Burschen wohnen, die hier studieren. Alles ist sauber aufgeraeumt. Ich bin beeindruckt. Erstens sind Kalash nicht wirklich reinlich, zweitens hab ich noch nirgends eine Wohnung in der nur Jungs wohnen gesehen, die nicht fast mit einer Muellhalde zu verwechseln war - ausser sie hatten Putzfrauen oder so. Und sie sehen sich staendig die 2 Kalash Videos an, weil ihnen die Heimat fehlt.
Ich darf in einem riesen Zimmer mit riesen Bett, Bad mit HEISSEM Wasser, sauberen Decken, gutem Essen und sogar einer verspaeteten Ueberraschungsgeburtstagsparty wohnen.
Wie eine Prinzessin komme ich mir vor.

Es tut gut, hier sitzen und reden zu koennen und nicht versteckt aus den Augenwinkeln mit haengender Zunge angstarrt zu werden.

Geplant war ein Tag, aber meistens kommt es anders, so bleiben wir noch einen Abend, weil 2 Italiener zum Essen laden. Wahnsinns Essen. Richtiges Fleisch, mit dem Messer zu schneiden – sehr ungewohnt, aber koestlich und Salat, echter Salat mit Marinade, nicht geschnittene Zwiebel und fertig. Ein interessanter Abend, Meinungs- und Ansichtenaustausch. Zarin, ein Kalash, der hier studiert, gesponsert von verschiedenen Leuten und im Besitz von DVD Player, Handy, Haus, Laptop etc. Er denkt zwar wenig an seine Familie dafuer umso mehr an das Volk selbst.
Dánn Taj, ein konvertierter liberaler Kalash/Muslim, der eine Freundin aus Ungarn hatte, aufgewachsen in Lahore, schon in allen Staedten Pakistans gearbeitet hat, aber im Sommer immer trotz aller guten Vorsaetze zurueck in die Kalash Taeler gefluechtet ist.
Die 2 Italiener, die mit afghanischen Fluechtlingen arbeiten und nun die leidige Aufgabe haben, das Projekt zu schliessen, weil die Paki Regierung die Fluechtlinge offiziell ja nach Afghanistan zurueck gejagt hat. Sie sind konfrontiert mit konservativem Peshawar und liberal-fadem Leben in Islamabad
Ein bunter Mix mit italienischer 60er Musik im Hintergrund.

Hier hoere ich auch wieder die Gechichte von Ayyub Khan, dem reichsten Pakistani; sein „Palast“ steht am Weg zum Khyber Pass. Zarin war dort und bestaetigt die Geruechte von goldenen Zahnstochern und Badezimmeramaturen, Mercedes, dem Garten mit allen erdenklichen Blumen und Pflanzen... seiner eigenen Armee und dem Haus, welches 3 Fabriken in sich beherbergt. Das Geld kommt nicht von irgendwo: er ist einer der bekanntesten Drogenschmuggler, der seine „Ware“ von Brieftauben bringen liess oder einfach ganze Flugzeuge fuer den Transport kaufte und die Zollbeamten bestach. Nebenbei betaetigte er sich als Geldfaelscher. Er baute eine Maschine um „15 mio USD“ lt. ihm selbst, faelscht Unmengen an Dollars. In der Peshawar Region war eine Zeit lang deswegen der USD Wechsel verboten. (Benazirs Zeit). Er bat sie damals um ein Jahr „Regierung“, dafuer wuerde er alle Schulden Pakistans zahlen. Er erzaehlte er der US Polizei freiwillig dass er Blueten druckt – sie konnten nichts finden + mussten ihn nach 15 Tagen freilassen. Als er in Pakistan gesucht wurde, froente er dem Leben in England als persoenlicher Gast von Charles im Palast. Lady Di besuchte ihn mit Helikopter. Nun nach dem er sich zur Ruhe setzte antwortet er breitwillig auf alle Fragen von Journalisten und Touristen aber laesst keine Pakis rein. Eine Legende hier... Ich nehme mir vor ihn naechstes Mal zu besuchen.

Auch ueber das Erdbebengebiet in Kashmir gibts einiges zu erzaehlen – nicht nur Gutes. Es ist mir ein wenig schleierhaft, warum die Armee nicht mehr involviert wird, aber vielleicht bin ich zu europaeisch. Pakistan hat das 5. groesste Heer mit 1 Mio Aktivisten. Jedes andere Land nuetzt zuerst dieses Potential. Aber hier wird sofort um internationale Truppen gebeten. Wenn man die Organisation in der Armee ansieht, weiss man warum. Ein wenig komisch finde ich nur, dass vorher jahrelang mit aller Kraft versucht wurde, alle Internationalen aus dem Krisengebiet Kashmir fernzuhalten und nun duerfen sie problemlos ueberall hin – die Pakis sehen zu. Alle die dort waren erzaehlen das selbe: die Paki Armee tut am wenigsten, manchmal leiten sie sogar die Versorgungsfahrzeuge auf den falschen Pfad um so das Spendengut abzufangen. Die Zivilisten haben mehr Motivation, aber eben mit Paki Organisationstalent – also wieder nicht besonders hilfreich. Es herrscht ziemliches Chaos dort. Ich lasse also meinen Gedanken, auch nach Kashmir zu gehen hinter mir und begebe mich in den MiniVan nach Chitral. Warmes Gewand hab ich vorsichtshalber aus Nepal mitgebracht. Hier ist sowas schwer zu kriegen, obwohl ich in Peshawar nun einen "2nd hand bazaar" entdeckt hab, in dem Dinge verkauft werden, die aus Europa an afghanische Fluechtlinge gespendet wurden aber von den zustaendigen Zulieferern verkauft wurden. Da gibts Dinge in halbwegs guter Qualitaet. Aber irgendwie hatte ich ein bisschen Hemmung Sachen zu kaufen, die illegal von Fluechtlingen "gestohlen" wurden. Javed erklaerte mir, dass ich, wenn ich Skrupel beim Kauf von was-auch-immer haette, die nicht gesetzeskonform verkauft werden, im falschen Land sei. Es gibt nichts was so ganz legal ablaeuft. Also hab ich mir eine Pyjamahose und Leiberl gekauft, das hatte ich vorher nirgends bekommen - um umgerechnet 1 EUR....

Die Fahrt ueber den schon zur Genuege bekannten Lawari-Pass ist sehr "lustig". Der Fahrer ist ein baertiger alter ernster Mann, ein Bilderbuch-Mullah.
Die Passagiere beginnen schon sich lustig zu machen ueber seine konservativen Ansichten, weil keine Musik spielt. (Unterhaltungsmusik ist im Islam verpoent). Das laesst er sich nicht 2x sagen, drehte schnulzige Hindusongs auf volle Lautstaerke und beginnt von seiner Liebe (natuerlich unerfuellt, wie alle hier) zu erzaehlen und scherzt was das Zeug hielt.

5 min nach Abfahrt zahlen wir erstmals 50 Rupies fuer was-weiss-ich an einen Polizisten, der uns aufhaelt. Nach 30 min noch mal 100. Ich frage warum, als Antwort heisst es: „Weil sie sonst das Gepaeck durchsuchen, das wuerde 2 h dauern.“
Angsichts der mehreren 100kg Ladung - die den Lawari Pass wahrscheinlich noch ein Stueck schlimmer machen werden - ist mir klar, dass sie sich nicht darauf einlassen koennen.

Ein 3. Mal stoppt uns die Polizei, diesmal packen sie ein paar weitere Koffer auf das Dach. „Bitte in Temagheera abliefern...!“
Zu Befehl! Beim Abliefern ruiniert der Fahrer die Tuer, eine Stunde spaeter gehts weiter.
Bei der Auffahrt zum Lawari-Pass faengt die Schaltung an zu spinnen, alle paar Meter faellt der Gang raus und der Fahrer muss unters Auto. Dann bleibt die Karre im Eis stecken - kennen wir das von irgendwo?
Eine weitere Stunde wird vertan um die Ketten anzulegen: „Ketten ok, fahr ein Stueck vor“ - Gang springt raus - Gang richten - Ketten richten - Gang spring raus.....
Eine Stunde in der Eiseskaelte vor Sonnenaufgang - brrr! Das Auto zeitweise so weit am Abgrund, dass ich mich nicht einsteigen wage sondern lieber den kalten Wind ertrage.

Laut Fahrplan ist man um ca 7 Uhr frueh in Chitral - Abfahrt 18h in Peshawar.
Abfahrt war um ca halb 8, um 7 Uhr frueh waren wir noch nicht ganz am Pass oben, um 10 bin ich in Drosh. Dort kommt die Kiste zur Reparatur, keine Ahnung wann die weiter fahren und in Chitral ankommen (ca. 2h von Drosh)

Imtiaz empfaengt mich und grinste nur: „Ich hab dir doch gesagt du sollst in Dir uebernachten und fruehmorgens mit einem Landcruiser ueber den Lawari kommen...!“
Mir was das natuerlich zu teuer... haette 120 Rupies und eine Uebernachtung mehr gekostet...
Aber egal, nun bin ich da und werde wie versprochen ein paar Tage mit seiner Familie verbringen bevor ich endgueltig bei den Kalash ankomme.
Das Haus steht hoch ueber dem Dorf, riesen Garten, wunderschoene Blumen. Dutzende Kinder von allen Bruedern und Angestellten tummeln sich im Garten und sonst wo. Imtiaz Art, mit Kindern umzugehen ist hier wohl selten. Und er kann gar nicht genug darueber hoeren, was bei uns zum Thema Erziehung so erzaehlt wird, verschiedene Stile und was ich warum am besten empfinde.
Er ist dankbar fuer jeden Hinweis, obwohls nicht viel zum Hinweisen gibt hier. Er ist einer der wenigen Pakis, die ich Kindern als Vater hier wuensche - davon gibts nicht viel. Es koennen zwar alle sehr lieb sein zu ihren Kleinen, aber nur, wenn sie zur richtigen Zeit kuschen und den Schnabel halten bzw sich still in einer Ecke aufhalten oder den gewuenschten Gegestand ranschleppen.

Ich geniesse die Tage in der Natur mit wohlig warmem Zimmer zum Ausruhen nach einem Herbstspaziergang mit den Kids im raschelnden Laub, Laubhaufen zusammen kehren und reinspringen. Eine kleine Oase der Seligen. Hier lese ich auch wieder eines meiner Lieblingsbuecher: Lost Horizon von James Hilton aus den 30er Jahren.
Gewaermt von Sonnenstrahlen mit einem Ausblick der dem Shangri La aus dem Buch mindestens Konkurrenz machen kann. Schneeweisse Berge im Hintergrund, kleine Lehmhuetten am gegenueberliegenden Huegel, rote Blumen und gelbe Blaetter auf den Baeumen - die Luft erfuellt nur vom Rascheln der fallenden Blaettern im Wind - manchmal Kindergeschrei – „moderate perfection“ wuerde Hilton es nennen.

Mir fehlt oft hier in dieser Welt diese Zeitlosigkeit Dinge zu tun, nicht "Zeit zu haben" fuer irgendetwas. Ich geb mir zwar in letzter Zeit Muehe viel Zeit zu haben, aber eben, ein Leben lang scheint mir manchmal nicht genug um all das erleben, lernen und erfahren zu koennen was ich wissen moechte.
Und die Beschreibung der moderaten Welt, in der alle Gefuehle, Ausserungen, Anstrengungen, Vereinbarungen eben moderat sind - erinnert mich sehr an meine Sicht der Dinge.
Ausserdem gefaellt mir die eben moderate Wortwahl. Andere beschreiben es mit "der goldene Mittelweg" (Buddhismus) - was nach Aufmerksamkeit heischt. Moderat in sich selbst ist ein moderates Wort, drum gefaellts mir – Lies mal das Buch, ein Geheimtipp!

Nach 3 wundervoll entspannenden Tagen bringt Imtiaz mich nach Bumburet, in das mittlere Kalash Tal, welches mir im Sommer immer ein wenig zu voll von Touristen war. Jetzt im Winter ist es ein Maerchenland. Ich will hier fuer das Fest (Chaumos) bleiben, aber es sollen ein paar Tage mehr werden.

Taj richtet mir mein eigenes Zimmer im geschlossenen Ishpata Inn Hotel ein. „Wo ist der Ofen?“ „Den bringen wir gleich.“ „Aber wo ist das Loch fuer das Ofenrohr?“ „Das machen wir gleich!“ meint Taj und boxt ein Stueck Wand nach Draussen. „Wir hatten letztes Jahr auch einen Ofen hier. Das Loch wurde nur mit Lehm zugekittet!“ Ich liebe diese Unkompliziertheit.
Fruehmorgens kommt die Sonne – um 12 Uhr, Tikka bringt Futter fuer die Ziegen, die hier im Winter den Garten bevoelkern. Eine ganz freche springt taeglich ueber die Balkonbruestung und holt sich Brot von mir.
Ich fuehle mich wieder wie zu Hause. Natuerlich will ich auch nach Birir, aber in dieser Ruhe nur unter Einheimischen ist auch Bumburet ein Platz zum Bleiben. Zum ersten Mal fuehle ich auch hier diese Art von Zufriedenheit, die mich einfach bleiben laesst, nicht weiter suchen.

Die Tage vergehen wie im Flug, fast taeglich gibt es Festivitaeten im Rahmen des Chaumosfestes – des wichtigsten Festes im Jahreskreis der Kalash. Balumain, einer der wichtigsten Goetter kommt zu dieser Zeit. Fast jede Nacht wird getanzt und gesungen, alle kommen zusammen, herrliches Essen – getrocknete Fruechte, Gemuese, Nussbrot und Wein. Ich werd hier nicht alle Zeremonien und Rituale beschreiben, es wuerde ein ganzes Buch fuellen. Kleine Figuren aus Teig werden geformt, die Tanzhallen neu bemalt – von Jungfrauen – Koerbe geflochten, heiliges Brot gebacken, Goetter angerufen und massenhaft Ziegen und Schafe geopfert. Zu allen Zeiten und Unzeiten (4 Uhr morgens) wird getanzt, um mich dreht sich alles. Nach und nach lerne ich die Leute hier besser kennen, finde gute Freunde, Leute mit denen ich mich in Englisch unterhalten kann und natuerlich auch welche, bei denen ich mein Kalasha verbessern kann.
Robert, der Australier, welcher kurz vor meiner Abreise angekommen ist macht sich gerade auf dem Weg. Die letzten Monate hat er in Birir als Lehrer verbracht und viel fuer die neue Schule getan. Sher Alam erzaehlt immer noch mit Lachen als Bob es den Doerflern mal ordentlich reingesagt hat. „Sie wollten kein Holz bringen, waren immer Pinienkerne sammeln. Bob sagte: „Ok, macht was ihr wollt, aber wenn wir die Schule nicht fertig bauen koennen wird Isa ihr Geld zurueck wollen. Und meines bekommt ihr auch nicht. Ich liebe Huehnchen – ich werde nach Chitral gehen und taeglich Huehnchen und Schokolade essen mit dem Geld. Wie ihr wollt.“
Am naechsten Tag war das Holz da. Nun ist die Schule fertig. Ich war noch nicht dort, aber ich habe Bilder gesehn. Sie sieht wunderschoen aus. Innen mit Holz verkleidet, aussen solide aber in traditionellem Stil. Die Kinder fuehlen sich sichtlich wohl drinnen und in der Toilette laeuft Wasser.

Aber zurueck zum Chaumosfest. 3 Tage lang bleiben die Kalash unter sich, Moslems werden nicht beruehrt und ihre Haueser nicht betreten. Ich verbringe die Tage bei Sher Alams Familie, da Taj im Ishpata Inn ist – ein Moslem. Mit Schlafsack und Roberts Flohpulver mache ich mich also auf zur anderen Seite des Flusses. Die Kalash Haeuser werden auf Vordermann gebracht – Weihnachtsputz oder so. Jeder muss sich waschen und ein neues Kleid anlegen. Nicht-Kalash-Maenner die teilnehmen wollen muessen eine Ziege opfern, Frauen werden mit Brot und Feuer zugelassen. Erst werden die Haende gewaschen und mit Wacholderrauch gereinigt, dann muss ich mit ausgestreckten Haenden und 3 runden Broten in der eisigen Kaelte stehen. Nichts darf ich nun anfassen, sonst waere die Reinigung umsonst. Nach einigen Minuten schwenkt ein Mann eine Fackel 3 mal ueber meinem Kopf, dann darf ich die mit Nuessen gefuellten Brote essen. Ab nun heisst es: beruehre keinen Moslem. Das heisst fuer manche auch: gehe nicht zum Arzt wenn dir etwas weh tut, geh nicht einkaufen oder zum Frisoer – da alle Aerzte, Verkaeufer und Frisoere Moslems sind.

Wieder wird getanzt und geschlachtet. Soviel Blut und tote Ziegen habe ich noch nie in so kurzer Zeit gesehen. In einer Ziege finden wir einen Foetus. Winzig klein, aber schon ziemlich ziegenhaft. Die Kids untersuchen das Kleine mit grosser Neugierde, dann wird es den Hunden zum Frass vorgeworfen.

Am 22. Dezember ist das letzte grosse Fest – gefolgt nur noch von einigen kleinen in Abstand einiger Tage. Alle duerfen nun mitmachen, Moslems wie Kalash, ein scheones Fest mit verkleideten Leuten, Tiermasken, Musik, Essen und Tanz.
Dies ist auch der Tag des „Weglaufens“. Verliebte Paerchen laufen gemeinsam „weg“ – ins Haus des Braeutigams. So wird hier geheiratet. Keine Dokumente, keine arrangierten Ehen – die Herzen finden sich.
„Baba, wen suchst du dir aus?“ Irgendwie scheinen sie anzunehmen, dass ich da bleiben will. Sie haben recht, aber deswegen irgendjemanden zu heiraten waere mir etwas zuviel. Staendig kommt jemand, der mir „einen Vorschlag“ zu machen hat. „Warum nicht dieser? Oder dieser? Er ist ganz lieb! Und denk an den vergroesserten Gen-Pool.“ Ein paar verliebte Kalash kommen selbst um zu fragen ob ich nicht mit ihnen weglaufen will – ich muss schmunzelnd ablehnen.
Im Scherz habe ich vor ein paar Tagen zu Sher Alam gemeint, dass ich die Taeler und die Leute liebe. Und mit Augenzwinkern hinzugefuegt, dass der 22. ja noch bevorsteht – das hat sich wohl rumgesprochen – ohne das Augezwinkern.
Der Tanz geht weiter ohne verheirateter Angrezi Baba, auf den Daechern, den Tanzboeden, in den Haeusern. Strahlend blauer Himmel, schneebedeckte Berge im Hintergrund, zahllose warme Tassen Tee in den geheizten Stuben – die Leute hier wissen, wie man Feste feiert.

Dann haben wir einen Tag Zeit – wir, das heisst Gael und Marco aus der Schweiz – die einzigen Touristen hier - und ich. Weihnachten steht vor der Tuer und wir wollen nun auch zeigen, dass wir Fest feiern koennen.
Wir basteln Geschenke, ich fahre nach Chitral und kaufe Orangen, Aepfel, Gewuerze, Salat, Kartoffel und sonstige Dinge fuer Gluehwein, Grillfleisch und Kekse. Am 24. backen und braten wir was das Zeug haelt, basteln Deko fuer den Weihnachtsbaum. Einladen brauchen wir nicht, es spricht sich schnell rum, dass die Angrezi auch „Chaumos“ feiern. Das ganze Dorf kommt und noch ein paar besondere Freunde aus Chitral und Drosh. Wir kaufen 2 Schafe fuer das Barbecue. Beim Schlachten passen wir kurz nicht auf und schon sind die schoensten Stuecke wieder klein gehackt wie es hier Tradition ist. Das 2. Schaf nehmen wir uns persoenlich vor.
Ich backe kleine Kekse – eine Mischung aus europaeischer und Kalash Zutaten – was man eben kriegen kann: gefuellt mit einer Mischung aus Apfel, Zucker und Zimt und einen Apple Pie. Rundherum sind hilfreiche Haende die kochen und dekorieren – ein ganzes Dorf zu versorgen ist nicht einfach fuer 3 Leute. Die Kinder helfen den Baum zu schmuecken – mit Stohsternen, Foehrenzapfen, Orangenschalen und Kerzen. Taj breitet dutzende Packungen Suessigkeiten unter dem Baum aus. Niemand ruehrt sie an. Vielleicht sind sie „rein“? Aber ich kann die verstohlen, sehnsuechtigen Blicke sehen, die die Kleinen in ihre Richtung werfen. Als Gael dann eine Packung holt faellt die Kinderschar ueber in und innerhalb einer Minute sind alle Leckerein aufgegessen – Weihnachten ist fuer Kinder!
Ein zweiter Sturm faellt ueber Dalli her, der die 3kg selbstgemachten Chips verteilen will. Er fluechtet auf einen Tisch, die Schuessel hochgestreckt – rund um ihn 50 Kinder, die ihn an den Beinen, am Schal und wo sie ihn erwischen zerren: „Mehr, mehr, ich auch!“ Der Tisch wackelt gefaehrlich, aber die Pommes Frites sind weg bevor die Schuessel samt Dalli faellt.
Das Grilllamm schmeckt koestlich, der Gluehwein raucht vor sich hin – aber nicht lange. Zuspaet merken die trinkfesten Kalash, dass Gleuhwein ziemlich stark ist. Ein lustiges Fest.
Zur Daemmerung zuenden wir die Kerzen an und schreien „Stille Nacht – heilige Nacht“ in die johlende Menge. Gael verkleidet sich mit Watte, dickem Mantel, einem Stock und meiner neuen roten Zipfelmuetze – Santa Klaus verteilt die Geschenke. Gael hat Kerzen gemacht, Marco Tiere geschnitzt und ich Tuecher bestickt und Maeuse fuer die Kinder gemacht. Die Kids sind ueberwaeltigt, die Erwachsenen staunen. Wow – das Angerezi Chaumos ist toll!
Selbst die Kekse schmecken ihnen. Suesses im Brot sind sie nicht gewoehnt, aber immer offen fuer Neues. „Baba, das musst du wieder mal machen!“

Wir sind froh, dass unsere Traditionen so gut ankommen – ich war nicht ganz sicher, wie die Leute auf unseren „Hokuspokus“ reagieren. Eines der schoensten Weihnachtsfeste glaube ich – abgesehen von denen als ich noch an das Christkind geglaubt habe.

Meinen Plan nach Birir zu fahren habe ich x mal verschoben, ich liebe das Leben hier, ein Zimmer fuer mich mit warmem Ofen, offenen Tueren in jedem Haus, Freunde die morgens, mittags und abends vorbeischauen zum Reden, Singen, Spielen, Essen – und eine Tuer die ich zumachen kann, wenn ich mal Ruhe brauche.
Wasser gibts unten in der Kueche – kaltes Wasser versteht sich, aber auf meinem Ofen steht ein Wasserkessel der mir zumindest ein wenig warmes Wasser gibt – wenn ich ihn vor der Morgenwaesche einheize. Meine Haende sind schon ziemlich rauh und aufgeschuerft, Krusten rundherum von Kaelte, Hitze und Dreck. Das einfache Leben hinterlaesst seine Spuren – aber ich liebe diese Spuren, denn ich liebe das Leben, welche sie hinterlaesst.

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