asiatische traeume

angefangen in 2005 war die urspruengliche idee, von bhutan ueberland nach oesterreich zu fahren - in pakistan wendete sich das blatt, das land und die leute nahmen mich gefangen, so blieb ich laenger als gedacht...

Tuesday, February 12, 2008

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Jaenner 2008

In den ersten Jännertagen ist alles normal, mit Arbeit etc. Am 4. Jänner sitze ich mitternachts noch am Laptop im Bett und surfe ein wenig im Internet herum. Dabei stoße ich auf ein Video über ein Interview von Benazir mit Sir Frost von Aljazeera, bei dem sie gefragt wird, was sie denn glaubt wer die Bombenanschläge in Karachi bei ihrer Ankunft ausgeübt hätte. Ganz neben bei bemerkt sie, dass da auch ein Mann sei – Umar Sheik, der Osama bin Laden getötet hätte.
Nun ist Sir Frost nicht unbedingt bekannt dafür, Dinge zu ignorieren, aber in diesem Fall tut er es – und die Welt folgt seinem Beispiel. Nirgends wird irgendwie erwähnt, was denn das für Bedeutungen haben könnte. BBC übernimmt das Video, schneidet aber diesen Teil raus. Später ist in einer kleinen Zeile zu lesen, dass es ihnen Leid tut und sie nichts verstecken wollten, aber sie dachten, dass dieser „Versprecher“ Leute verwirren würde.
Aber immer noch keine Diskussion über das Thema. Bei keinem der großen Mediengesellschaften, nicht bei CNN, nicht bei BBC, nicht bei Pakistanischen Zeitungen oder Online Versionen – einfach nirgends. Ich suche das Internet ab – nichts. Nur ein paar Untergrundseiten, auf denen sich alle wundern, warum den die Welt nichts zu sagen hat, wenn jemand vom Kaliber Benazirs behauptet zu wissen, wer den meist gesuchten Mann der ganzen Welt umgebracht hat. Ich suche nach Hinweisen, dass jemand das ganze als Fake darstellt – nichts. Die Welt scheint zu schweigen. (das Video ist bei Youtube und nun auch im BBC). Ich mache mir so meine Gedanken. Schon eigenartig, dass niemand das ganze ausschlachtet, sei es nun, dass man es offiziell als Fake oder Unwahrheit hinstellt oder es untersucht und bestätigt. Ich bin also sehr gefesselt von dem ganzen, als ich plötzlich höre, wie draußen am Tor gerüttelt wird. Sekunden später bricht es auf. Ich höre Schritte in meine Richtung und schon stehen 3 Männer vor der Küchentür, die zu meinem Zimmer führt und brechen sie auf, wenig später treten sie auch meine Zimmertuer ein. Ich bin ziemlich überrascht. Sie schreien auf Urdu (Pakistanische Sprache), der eine will mich aus dem Zimmer vertreiben, der andere hält mich fest. In dem Gerangel schleudern sie mich gegen den Türstock, das Kopfweh sollte aber erst später kommen. Ich versuche zu verstehen was sie wollen. Sind sie hinter mir her? Ist es vielleicht weil ich diese Dinge im Internet gesehen habe? Ist es eine Spezialeinheit? Wollen sie mich vergewaltigen? Ausrauben? Haha, da finden sie nichts.
Einer beginnt zu schreien ich sei illegal hier, ich müsse raus. Stimmt etwas mit meinem Visa nicht?
Ich versuche meinen Chef anzurufen, der im oberen Stock wohnt und laufe nach draußen und schreie. Ich wage nicht raus zu laufen, weil ich nicht weiß ob nicht noch mehr von diesen Leuten auf der Strasse warten.
Als endlich die Frau meines Chefs aufwacht erkläre ich ihr was los ist und bitte sie ihren Mann zu schicken und die Polizei anzurufen.
Plötzlich fliegen Ziegelsteine vom oberen Stock, einer verfehlt mich nur um Haaresbreite. Sind nun auch im Haus Einbrecher? Was ist los da oben. Später erfahre ich, dass mein Chef schlaftrunken versucht hat, die Leute hier unten zu vertreiben, sein Ziel lässt zu wünschen übrig.
Einer der 3 Männer scheint zur Besinnung zu kommen und erklärt mir irgendwie, dass das sein Besitz sei und wedelt mit einem Zettel herum. Ich sage ok, ich sehe ein dass er Recht hat – erste Klasse Psychologie Unterricht – und dass ich nur warte bis Adil, mein Chef kommt um alles zu klären. Er ist erst einverstanden und bricht dann aber die nächste Tür auf. Nun laufe ich auf die Strasse raus und zur anderen Seite um ins Wohnhaus zu gelangen. Dort wird mir erklärt, dass einer dieser Männer der Drogen abhängige Bruder meines Chefs ist, dem ein Teil des Hauses gehört, aber ihm dafür eigentlich mit Vertrag Miete bezahlt wird. Nun sei er eben wieder mal ausgezuckt und will den Anteil sofort zu Geld machen.
Die Polizei kommt, einer der Freunde dieses jüngeren Bruders versucht den Koch zu bestechen damit er ihm eine Erklärung schreibt, dass dieser Bruder schon einige Zeit hier lebt – was natürlich nicht stimmt, aber 25.000 Rupien ist viel Geld für einen Koch mit 7000 Monatsgehalt (280Eur – 80EUR). Er lehnt aber ab, da er weiß, dass auch meine Aussage geltend gemacht wird. Nach Berichterstattung bestechen sie auch die Polizei und werden anstatt am Revier zu landen frei gelassen. Als die Polizei weg ist, will ich Sachen holen, doch man sagt, mir dass das ganze Büro inklusive meines Zimmers von der Polizei abgeschlossen wurde. Gott sei Dank war ich so geistesgegenwärtig und hatte meine Handtasche, Geld, Pass und Laptop mitgenommen. Mein Chef, Adil, erfährt es und ruft um 3 Uhr nachts den Oberkommissar an, der ins Haus kommt – er ist ein Freund – und einen neuen Bericht aufnimmt. Um 4 Uhr schlafe ich dann oder versuche es zumindest – auf der Couch im Wohnzimmer, der Koch liegt ebenfalls dort am Boden und schnarcht wie ein Baer.
Am nächsten Tagen wird mir die Tragweite klar: Der untere Stock bleibt verschlossen, ich habe ein Kleidungsstück und sonst nichts – auch keine Bleibe. Amina nimmt mich auf, ich lerne dafür mit ihrer jüngeren Schwester Rudaba für die bevorstehenden Prüfungen. Sie ist extra nach Islamabad gekommen um bessere Privatlehrer zu bekommen.
Am Tag nach dem „Einbruch“ nehme ich mir ein Taxi und fahre zu ihr, ich lasse mich im Markt absetzen, weil ich noch etwas kaufen wollte…
Die Geschehnisse vom Vorabend drehen sich noch in meinem Kopf, was ist nun zu tun, was nicht usw.. und nach fünf Minuten bemerke ich, dass ich meinen Laptop im Taxi habe liegen lassen. Bravo…
Es musste wieder mal so sein. Ich hatte das Angebot auf eine Mitfahrgelegenheit von Verwandten Adils abgelehnt, weil das wahrscheinlich entweder 30min oder 30 stunden gedauert hätte, ich hab mich nicht vor die Tür von Aminas Apartmenthaus bringen lassen, wo die Guards alle Taxinummern aufschreiben usw… Wäre der Einbruch nicht passiert hätte ich auch nicht eine Telefonkarte aus dem Markt gebraucht…
Ich komme also ziemlich durch den Wind an, erzähle ihnen alles, sie sind sehr bedrückt, aber der Laptopverlust ist wohl meine alleinige Schuld, das ist mir klar. Den sehe ich wohl nie wieder. Keine Taxinummer, Taxis sind alle privat, meist einzeln, nie ist eine größere Firma dahinter. Aminas Mann geht mit mir in den Markt und fragt bei den Taxlern nach, sie scheinen sehr wohl gesonnen, versprechen sich umzuhören, aber die Chance ist gering. Zu allem Übel waren auch noch alle anderen Festplatten in der Laptoptasche, die ich sonst immer an separaten Plätzen aufbewahrt habe, nur an eben dem Abend hab ich alles Wichtige zusammen gerafft und in dieselbe Tasche gesteckt.
Nun sind sich alle einige, es wäre blöd zu glauben dass der Laptop zurückkommen würde. Die Tasche war schon Glück, aber ein Laptop ist soviel wie 3 Monatsgehälter für einen Taxler.
Ich rufe meine Mutter an, sie solle mir die letzte Sicherungsfestplatte aus Österreich im nächsten Paket mitschicken und schreibe meine Arbeit und Bilder usw aus dem letzten Jahr trauernd ab.
Nach 2 Tagen läutet mein Telefon – unbekannte Nummer. Normalerweise hebe ich nicht ab, aber diesmal kommt aus der Magengegend ein Impuls. „Hallo, ich glaube ich habe ihren Computer, ihre Visitenkarte war in dieser Tasche. Ich habe ihn erst am Abend entdeckt weil es finster war und bin nun in einer anderen Stadt, aber in 3 Tage bin ich zurück in Islamabad und bringe ihn vorbei.“
……
Sprachlos.
Nach 3 Tagen bringt er ihn tatsächlich vorbei und lehnt noch einen kleinen Geldbetrag als Anerkennung für seine Ehrlichkeit ab. Gott zeigt mir wiedermal, dass es gute Menschen gibt.

Die Situation im Büro ändert sich nicht wirklich, manchmal besuche ich Khushwaqt, die meiste Zeit verbringe ich allerdings bei Amina, ich wasche mein einziges Kleidungsstück am Abend, hänge es über die Heizung – ja, das ist glaub ich der einzige Platz in Pakistan mit Heizkörpern in den Zimmern – und ziehe es am morgen wieder an.
Ich habe noch nie etwas von einer übermäßig großen Garderobe gehalten.

Chitral - oder doch nicht

Dezember

In den Eidfeiertagen wollte ich dann endlich nach Chitral fahren, wohl verdiente Ferien, die mir mein Chef auch gnädig gewährte. Ich packte also frohen Mutes meine Sachen und machte mich auf nach Peshawar, wo ich mit Saida, die ebenfalls in Islamabad war und nach Chitral wollte, gemeinsam fliegen sollte. Wie immer im Daewoo Bus checke ich mein Gepäck ein, bekomme die Abschnitt mit der Referenznummer und zeige ihn beim Aussteigen in Peshawar vor, nehme meine Tasche entgegen – ist ohnehin die letzte – und dann geht’s ab zu Saida. Ich falle tot müde ins Bett und als ich am morgen noch leicht verschlafen nach meiner Bürste kramte musste ich feststellen, dass ich sie vergessen hatte. Außerdem schienen plötzlich eigenartige Dinge in meiner Tasche zu sein, die ich noch nie vorher gesehen hatte. Ganz langsam dämmert es mir, dass diese Tasche, die meiner bis aufs Haar und den kaputten Reisverschluss rechts gleicht doch nicht meine Tasche ist.
Dann war ich aber schlagartig wach. Ich hatte 5 min vor Abfahrt, weil ich so müde war und dachte dass mir vielleicht jemand den Pass aus der Handtasche stiehlt wenn ich einschlafe, eben diesen Reisepass ins Check-in Gepäck gegeben, das ganz sicher untern ohne Zugriffmöglichkeit von Dritten verstaut war. Bravo.
Ich fahre also zu Daewoo und schildere die Geschichte, lasse dann die leere Tasche dort und nehme den Inhalt mit heim. Ich muss sicher gehen, dass wenn die Leute die meine Tasche haben kommen, nicht einfach ihre nehmen und meine auch noch behalten. In die leere Tasche lege ich meine Kontaktnummer und lasse alle Daewoomitarbeiter am Terminal kommen um ihnen alles zu erklären und ihnen einzubläuen, dass sie mich anrufen müssen falls die Tasche auftaucht oder jemand anruft. Ihr Europäer denkt nun dass das doch automatisch gehen muss…. Jaja… haha…
Also nix mit Chitral, ich hoffe dass die Tasche irgendwie auftaucht, werde aber überall eher für dumm gehalten. Meine Digitalkamera war auch dort drin. Man würde das alles eher verkaufen und sich eins Grinsen über die dumme Ausländerin… Ich seh mich schon auf der Botschaft einen neuen Pass beantragen und auf der Polizei einen Bericht für die Versicherung schreiben. Gott Sei Dank hab ich ja eine Kreditkarte, bei der Reisegepäckverlust enthalten ist. Da meine Tasche schon weg war als ich ausstieg und der Daewoo Mensch auch noch getan hat als ob er meinen Luggagetag kontrollieren würde ist es wenigstens nicht meine Schuld.
Ich frag mich nur mal wieder, da ich ja glaube, dass alles aus einem bestimmten Grund hat und auch seine positive Seite hat – warum dies nun hatte sein müssen.
Ich mach also nach 2 Tagen ohne Neuigkeiten diesen Polizeibericht, der ziemlich für die Würste war, weil – als ich ihn übersetzen ließ – nichts wirklich Informatives drinstand und tausend kleine Fehler unterlaufen waren. Dann also auf nach Islamabad zur Botschaft und einen neuen Pass beantragen. Es ist mein erstes Mal auf der Botschaft, das erste Mal mit Österreichern. Ich bin froh, dass mir gleich und ohne Umstände genau gesagt wird was ich bringen muss und dass ich mich darauf verlassen kann, dass sich das nicht am nächsten Tag ändert. Nur Passfotos und ein paar tausend Rupien, die Kopien von Geburtsurkunde und Staatsbürgerschaftsnachweis habe ich schon mit. Sehr gut. Am nächsten Tag bringe ich alles.
Beim Passfoto machen ist alles wieder sehr pakistanisch. Sie retuschieren die Fotos, machen falschen Hintergrund und so verbringen ich 3 Stunden dort… Warum muss das nun wieder sein? Im Taxi zur Botschaft erfahre ich es. Das Telefon läutet, der Terminalmanager von Daewoo ist dran und erklärt mir freudig, dass die Tasche da ist mit allem Drum und Dran. Hurraaaaa…. Bleibt nur noch die Frage, warum nun die ganzen Umstände.
Ich fahr doch noch auf die Botschaft, plaudere ein wenig mit dem zuständigen Herren, wir freuen uns beide dass alles geklappt hat und er sagt mir noch, dass jeden Freitag bei ihm einen kleines Treffen von einigen Österreichern stattfindet zu dem ich doch manchmal kommen soll. Sehr gut.
Also wieder auf nach Peshawar, ich muss ja die Sachen der Leute zurückgeben, die meinen Tasche hatten.
Es ist Eid Tag, bei Daewoo sind alle Sitze ausgebucht und – zum ersten Mal – im Voraus zu bezahlen, also keine Chance auf ein Ticket. Normalerweise reservieren die Leute und mindestens 20% erscheinen nicht oder fahren später, weil sie für mehrere Zeiten gebucht haben – Pakistanische Art eben. Ich marschiere also zum hiesigen Terminal Manager und erkläre ihm, dass ich wegen seinem unzuverlässigen Personal meine Tasche verloren habe und sie nun durch Gottes Gnade wieder aufgetaucht ist und ich sie nun eben auch noch extra holen muss. Ich sage ihm dass ich keinen Aufstand zu machen Gedenke weil ich die Fahrt hin und zurück wegen Inkompetenz seiner Firma bezahlen muss, ich will nur ein Ticket. Er ist ein wenig baff aber gibt mir schlussendlich doch noch ein Ticket neben der Hostess.
Ich bekomme meine Tasche und weiß nun, dass es doch noch ein paar gute Menschen gibt hier unten im Süden. Mein Chitral Urlaub ist aber nicht mehr möglich, da mein Chef mit nicht den ganzen Monat frei gegeben hat. Ich hatte mich echt gefreut, das Winterfest dort zu verbringen, aber nun ist es schon vorüber. Meine Kalashmutter ruft ständig an und fragt mich, ob ich sie denn vergessen hätte und welche Ausrede ich nun wieder habe, nicht raufzukommen. Ich mag schon gar nicht mehr abheben, wenn der Klingelton ertönt… Acchi gos a no… Kommst du zurück oder nicht…

Nun ja, also ein paar Tage wieder bei Col Khushwaqt, ein paar in Islamabad auch bei Freunden – Saidas Tochter wohnt dort – Alis Schwester – und wird bald eine gute Freundin. Eine der Freitagspartys besuche ich auch. Es tut gut wieder mal deutsch zu reden und zu erfahren, wie es anderen so geht in Pakistan.
Als alles sich wieder normalisiert – oder so schient es – wird Benazir Bhutto umgebracht, für einige Tage steht wieder alles still, Polizeisperren hier und dort, Geschäfte, Banken und Schulen geschlossen, die Märtyrerin wird beheult. Niemand denkt mehr daran, wie sehr sie sie gehasst haben. Nicht dass ich froh bin oder ihr wünsche zu sterben, keinesfalls. Mord ist nie eine Lösung. Aber die Falschheit mit der nun über ihr Leben berichtet wird wo vor 2 Tagen noch alles voll war mit Hasstiraden und Anschuldigungen ist sehr krass. Das Volk ist auf der Strasse, kein unterschied ob vorher Anhänger oder Opposition. Alle wollen sie rächen, die Gute, die immer nur das Beste für das Volk wollte.

Also wieder ein paar Tage keine Arbeit, dafür haben wir eine schöne Silvesterparty mit Amina, Ali, Sikander, Khushwaqt im Haus von Siraj, einem anderen Sohn von Khushwaqt. Ich hatte schon voriges Jahr ein paar Bleigießfiguren aus Österreich mitgebracht und sie damals vergessen. Dieses Mal haben wir alle Spaß daran. Der Brauch war vorher nicht bekannt, aber das Zukunftvorhersagen aus den entstandenen Figuren ist immer spannend.

Islamabad

September - Dezember

Es ist mal wieder viel Wasser den Bach runter gelaufen, ich habe einiges gelernt hier… Ich lag ein wenig daneben mit meinem Statement, dass ich Pakistan liebe, jetzt weiß ich, ich liebe Chitral… soviel Troubles es dort auch gab, das Leben in den Kalash Tälern war ein Paradies. Hier in Islamabad, na ja, ich bin eher nicht so der negative Typ, aber viel Nettes gibt es nicht zu berichten, außer den paar Seelen, die mir hier die nötige Energie geben, nicht gleich ins Flugzeug zu steigen.
Die Kultur in Islamabad – ach was sag ich, es gibt keine Kultur in Islamabad. Der Grossteil tut als ob er dem Westen nacheifert, alles ist so westlich und „zivilisiert“ und wunderbar, alles ist erhältlich… Quatsch. Die alte Kultur haben sie auch vergessen oder wollen sie vergessen und so scheint es, als ob der Grossteil irgendwo in der Mitte schwebt, ohne Wurzeln und doch noch nicht am Ziel angekommen.
Alles erhältlich, Islamabad die westliches Stadt? Man findet vielleicht vieles hier, aber dafür muss man 1000 Shops durchkämmen und dann findet man mit viel Glück „alles“… Garantie gibt’s allerdings nicht…
Die Kosten für alles sind mindestens doppelt so hoch wie überall sonst und besonders wenn man ein weißes Gesicht sieht steigen sie nochmals. Weißen in Islamabad haben alle viel Geld.. haha. Ich gehör nicht zu denen, Ich arbeite ja nicht für eine westliche Firma oder NGO, sondern eben für eine Pakistanische Organisation. Ist auch gut so, sonst hätte ich mein Visum wahrscheinlich nicht bekommen… Mein Chef hat mir viel geholfen nach all den Problemen in Chitral, aber schön langsam glaube ich, dass auch er ein wenig übertreibt, damit ich brav für ihn arbeite, mich nicht über die schlechte Unterkunft, Essen und Arbeitszeiten – oh und Lohn – beschwere.
Eine Zeitlang ist alles ganz gut gegangen. Zu den Wochenenden war ich meist in Peshawar um Col Khushwaqt, den ich schon in Mastuj besucht hatte und der nun für den Winter im „warmen“ Süden ist.
Mit ihm in seinem schönen Garten zu sitzen brachte mir an diesen Wochenenden den Frieden, den ich in Islamabad so sehr vermisst hatte. Die schönen Stunden in Islamabad beschränkten sich auf die wenigen am Gestüt..

Am Anfang war es ziemlich schlimm, ich kannte niemanden und saß entweder in der Arbeit oder in meinem Zimmer – was genau 3 Schritte und eine Verbindungstuer voneinander entfernt liegt.

Mein Zimmer ist nicht unbedingt das Beste hier, aber ich hab in schlimmeren Unterkünften gelebt. Ich denk mir nur, wenn ich nie wieder nach Chitral kann oder immer nur mit größter Vorsicht, dann will ich nicht in Pakistan bleiben. Chitral ist der Grund warum ich Pakistan liebe.
Das Zimmer ist im unteren Stock des Wohnhauses meines Chefs, gleich neben dem Büro. Verbindungstuer zum seinem Wohnbereich gibt es keine, man muss auf die Strasse, um den Block herum und von vorne ins Haus. Ich habe Kasten und ein Seilbett mit Unterlage, einen Sessel und ein Nachttischkasterl... Mein Zimmer, wenigstens.
Ich bin dankbar, nicht aus der Tasche leben zu muessen und einen eigenen Schluessel zu haben um nicht allen auf den Gesit zu gehen, wenn ich ein und ausgehe.

Für 4 Tage hatte ich sogar TV, bis sich der Koch meines Chefs beschwert hat, dass er heimgeht wenn er keinen Fernseher bekommt, da hab ich ihm meinen gegeben.. - aber ich vermisse es, auf der Veranda zu sitzen wie im Kalash Tal, mit freier Sicht auf den Fluss, den ich auch nachts im Zimmer plätschern hörte, die Natur und alles. All meine Freunde sind dort.
Am Anfang hatte ich auch hier kein warmes Wasser, dazu musste ich hoch ins Haus meines Bosses gehen aber später funktioniert der Boiler dann doch irgendwann. Die Wände sind ständig feucht und alle Möbel schimmlig weil’s so feucht ist hier. Nach langer langer Zeit sagte man mir dann, dass es Reinigungsalkohol gäbe in Apotheken, den hab ich mir dann gekauft und geschrubbt. Keine Ahnung ob es geholfen hat, ich seh die Möbel jetzt nicht mehr… aber langsam.
Jeden Tag habe ich Besuch – animalischen – von Frettchen, Katzen, Froeschen, Tausendfüsslern, Riesenheuschrecken, Tauben und einer Heerschar von Insekten – das Zimmer ist nicht ganz Erdgeschoss sondern eher darunter und nach dem Regen sucht so manches Viecherl Zuflucht. Einst hat sich ein armer Gecko in der Badezimmertuer versteckt – ich hab ihn leider nicht gesehen und die Tür geschlossen… Einen Tag später hab ich dann die Überreste wie eine Plastikhaut abgezogen.
Mein Chef glaubte, da ich fast ein Jahr bei den Kalash gelebt habe, muss ich mir hier wie im Paradies vorkommen - aber ich habe die Kalash geliebt und ihre Art zu leben. hier in der Hauptstadt - wenn ich schon hier sein muss, will ich es etwas komfortabler haben. Es hatte lange gedauert bis ich das meinem Boss sagen konnte, ich bin in der Beziehung ein bisserl dumm... ich hasse es jemanden um etwas zu bitten, wenn er mir schon etwas gibt aber mir ist es nicht gut genug...
Alle hier sagen mir ständig, dass jeder andere Europäer nicht 1 Tag in diesem Zimmer leben würde und arrogant und selbstsicher (wie Europäer eben sind, haha) etwas anderes erwarten und verlangen würde...

Die Politische Lage ist etwas vertrackt. Benazir Bhutto und Nawaz Sharif kommen aus dem Exil zurück um bei den Wahlen anzutreten, die Deals die sie aushandeln und die Art wie sie empfangen werden sind allerdings alles andere als nett. (Benazir z.B. dass alle Anklagen wie auch ihre eigene zum Thema Korruption fallen gelassen werden – die Nachrichten waren voll davon, ein paar Leuten hab ich auch detaillierte Berichte geschickt, die gibt es noch falls jemand sie haben möchte – Nawaz wurde wieder ins Exil geschickt als er zum ersten Mal versuchte herzukommen obwohl im freier Einlass bestätigt wurde)

Im November wurde dann der berühmte Ausnahmezustand ausgerufen, die Fernsehsender eingestellt und „regierungsunfreundliche Subjekte“ ins Gefängnis oder unter Hausarrest gestellt. Die internationale Gemeinschaft tut so als ob sie sich beschweren, aber nicht sehr nachdrücklich, keine Sanktionen, keine Konsequenzen – allen voran die USA.