asiatische traeume

angefangen in 2005 war die urspruengliche idee, von bhutan ueberland nach oesterreich zu fahren - in pakistan wendete sich das blatt, das land und die leute nahmen mich gefangen, so blieb ich laenger als gedacht...

Wednesday, March 21, 2007

Chawmos - die Zweite

Mitte Dezember 2006

Grade rechtzeitig komme ich am 16. Dezember nach Chitral und Biriu. Das Chawmosfest beginnt an diesem Abend.
Den Vortag hatte ich leider verpasst, mein Onkel feierte seine Hauseinweihungsparty. Er hat ein riesiges Haus in Sandik errichtet mit 3 Zimmern, eines für die Familie zum Wohnen und 2 Gästezimmer, die je nach Bedarf verwendet werden würden. Aber dieses Fest fiel für mich dem Wetter zum Opfer, da kein Flieger gen Chitral abhob.

Aber jeder Tag ist der richtige um Heim zu kommen. Mit grossem Hallo werde ich empfangen und gleich in die Chawmos Vorbereitungen eingebunden. Die Janja Nacht steht an. Von allen Dörfern ziehen die Bewohner mit langen Fackeln nachts zum nächsten um sich schliesslich in einem Dorf zu treffen. Diesmal in Guru, wir dürfen also warten und das Spektakel von den Hausdächern beobachten. Wie eine Feuerschlange nähern sich die Leute, von der Ferne nur als wippende Flammen zu erkennen. Alle Dörfer südlich und östlich von Guru treffen sich bei uns, westlich gelegene Dörfer ziehen talaufwärts um sich weiter oben zu treffen. Insgesamt gibt es hier in Biriu 3 Treffpunkte für die Janja Nacht, die Umzüge finden allerdings nicht an den gleichen Tagen statt.
Langsam trudeln alle ein, löschen die Flammen und sammeln sich im Rikhin, der Tanzhalle. Eine lange Nacht steht an, viel Wasser und Wein ist am Abend zum Aufwärmen in durstigen Kehlen versickert. Ein paar Jungs greifen zu den Trommeln, und schlagen die ersten Takte. Die Frauen wissen sofort, was sie zu tun haben – es gibt nur 3 verschiedene Tänze, sie unterscheiden sich hauptsaechlich in der Schrittgeschwindigkeit. Die beiden langsameren werden meist in langen Ketten getanzt, gemeinsam soll der gleichbleibende, überkreuzte Seitschritt erfolgen, damit die Kette nicht reisst oder aus dem Takt kommt.
Das passiert allerdings allzu oft. Anfangs überkommen mich jedesmal Schuldgefühle. Die tanzen das seit hundert Jahren, wenn jemand sie drausbringt dann bin ich das. Aber je länger ich mitmache und je öfter ich den Platz in der Reihe tausche desto mehr verstehe ich den echten Hintergrund der Unstimmigkeiten. Und Schuld war doch nur… der Wein…
Der schnellste Tanz wird üblicherweise in Dreiergruppen getanzt. Mehr oder weniger schnelles Drehen abwechselnd mit- und gegen den Uhrzeigersinn wechselt sich ab mit geneigten-Kopfes Nach-vorne-preschen, apruptem Stopp und Drehen. Alles nicht so schwer, wären da nicht die Burschen und Männer, die ebenfalls ähnliche Reihen formieren und möglichst viele Frauenreihen anstossen, gefolgt von lautem “Hahahahaha, a dussi hahaha!” (Heisst soviel wie: erwischt, hahaha…) Nach wenigen Tänzen entsteht ein wildes Durcheinander, das die Alten von Zeit zu Zeit zu zügeln versuchen. Bei den beiden langsameren Tänzen singen die Frauen eine Art meditativen Singsang während die älteren Männer die alten Geschichten-Lieder wiederholen und neue dichten für besondere Leistungen im letzten Jahr.
Erschöpft aber glücklich falle ich nach einer langen durchtanzten Nacht ins Bett, kuschle mich in die warme weiche Decke, die ich in Chitral erstanden habe, nachdem manchmal mein Knie nachts wegen der kriechenden Kaelte geschmerzt hatte und schlafe bald ein.
Es ist fast Mittag, als ich mich endlich dazu bewegen kann, aus dem warmen, kuscheligen Bett zu kriechen. Die üblichen Bohnen – drei mal täglich, stehen schon bereit, über die Wirkung auf Darm und Umwelt habe ich mich letztes Jahr schon genügend ausgelassen – bitte bei grossem Interesse dort nachzulesen, anderenfalls – vergessen wirs einfach…
Also Bohnen zum Frühstück, diesmal fällt es mit Mittagessen zusammen, das ändert allerdings nichts an der Menüauswahl. Die Bohnen bleiben Bohnen. Das Wetter ist schön, fast suche ich nach Oma, um wieder an den Baendern zu knüpfen, wie es vor meinem Peshawar Besuch an der Tagesordnung stand.
Doch sie ist schon in Bumburet bei ihrer zweiten Tochter, deren erster Sohn zu diesem Chawmos seine Initiierungsfeier hat, butt sambiek – (Hose anziehen, ist für Jungs das erste Mal offiziell die traditionelle Kalash Hose anzuziehen und somit in die Kalash Gemeinschaft integriert zu werden. Für Mädels ist es kupas sambiek und beschreibt das erste Tragen des Kopfschmuckes.
Letztes Jahr in Bumburet verbrachte ich diese Tage bei Sher Alam, dessen Sohn butt sambiek und dessen Nichte kupas feierte. Für die Gäste werden das ganze Jahr über chumanis gefertigt, gewebte oder geflochtene Zierbaender, die auch zum Halten und Binden von Hosen verwendet werden.
Viele Stunden hatte ich mit Oma auf der Veranda verbracht und ihr geholfen, die Baender zu fertigen. Ich liebte die Tage im Sonnenschein. Oma erzählt alte Geschichten oder singt diesen meditativen Singsang, bei dem ich alles um mich herum vergesse. Es erinnerte mich an meine Oma in Österreich, die Handarbeitslehrerin war und, als sie noch lebte, auch öfters mit mir gestrickt, gehäkelt oder gewebt und dabei Geschichten von Früher erzählt hatte.
Am nächsten Tag wird auch in Biriu dieses Initiationsritual gefeiert, diesmal ist es ein “Cousin” von mir, ich bin somit eine Verwandte, die geehrt wird, ich bekomme chumani-Baender und, wie alle anderen in meinem Verwandschaftsgrad einen Glitzermantel. Früher wurden diese Ehren spärlicher verteilt, da mühevoll angefertigt. Heutzutage greift man einen Goldglitzerstoff vom Bazaar, schneidert ein paar Arme dran und fertig ist der Ehrenumhang. Die verwandten Kinder bekommen Schals und kleine Umhänge. Es ist ziemlich teuer, so ein Fest auszurichten. Getrocknete Trauben, Nüsse, Maulbeeren, Sijin Beeren, Käse und andere Köstlichkeiten werden in Hülle und Fülle herumgereicht. Chawmos ist nicht das Fest des Geizes, sondern des Überflusses, des Glaubens und Vertrauens in ein fruchtbares neues Jahr in einer Zeit, die eher an Entbehrung erinnert – Winter, Kälte, Dunkelheit…
All dies wird ersetzt durch Wärme, Gemeinschaft, Vertrauen in Gott und den Neuanfang im bald beginnenden neuen Jahr.
Abends werden die Kinder zur Tanzhalle getragen, sie tanzen zuerst, dann nach und nach beginnen die Älteren. Spätnachts stimmen sie endlich das langersehnte Ajhona Baya/baba (Gastbruder/schwester) Lied an. Der Ablauf ist meines Erachtens traditioneller als der in Bumburet bei diesem Lied, vielleicht kommt es mir nur so vor, weil er logischer klingt.
Eine Grupper Frauen tanzt im Kreis um einen einzelnen Mann in ihrer Mitte, eine Gruppe Männer tut das selbe mit einer Frau, der „Gastschwester“. Nun werden abwechselnd zu gleichbleibendem Refrain neue Strophen erfunden, die wie ein Dialog zwischen den beiden Gruppen pendeln. Je spáter und feuchter die Nacht, desto ausgefallener werden die neuen Strophen, beklatscht und belacht von Publikum und Tänzern, dann beugen sich die Köpfe der anderen Gruppe zusammen, tuscheln, lachen und eine/r fängt schliesslich an, den eben gedichteten Text zu singen. Besonders gute Strophen halten sich oft mehrere Jahre und werden am Anfang gesungen, wenn das dichten noch nicht so leicht fällt.
Letztes Jahr, als ich Chawmos in Bumburet verbrachte, wurde mir eine dieser Strophen gewidmet. In den letzten Tagen sangen es die Kinder gemeinsam mit anderen bekannteren Versen wieder von den Dächern, zur Einstimmung.

Diese Nacht wird eine der kürzesten, denn um 5 Uhr früh geht es wieder los. ArifAliShah hatte mir am Vortag schon eine Fackel zurecht gemacht, ich greife sie schlaftrunken und mache mich auf zum Treffpunkt in Guru, ganz oben über den Häusern. Mama kommt auch mit, sie rät mir noch, den alten Piran an zu legen, nicht den neuen, der in den letzten Wochen von Baras Khans Frau für mich genäht wurde. Dieser bleibt also haengen, strahlt in allen Gelbtönen frisch gewaschen und noch unbenutzt heute vergebens.
Diesmal ist es an uns die Fackeln ins nächste Dorf zu bringen – möglichst heil. Bei einem grossen Feuer entzüden wir das harzige Pinienholz, dann staksen wir vorwärts in einer endlos scheinenden Feuerkette über die eisigen Pfade and den rutschigen Hängen, eine gute Uebung um schnell wach zu werden.
Die Teenies stürmen vor und zurück, die Trittsicherheit sichtlich beeinträchtigt vom nächtlichen Umtrunk. Ich danke einmal mehr für den Umstand, dass ich diesen Wein nicht vertrage und daher gar nicht erst versuche ihn zu trinken, andernfalls würde ich bestimmt den Abhang hinunter purzeln oder irgendwann meinen Piran unter Flammen setzen.
Ich wundere mich mit jedem Schritt, dass nichts zu brennen beginnt. Teile der Fackeln fallen ständig auf den Weg und die unterhalb liegenden Häuser, jeder hält seine Fackel in irgendein Richtung, dazwischen bzw darunter drängen sich Leute vor und zurück, hie und da fängt ein Schal zu brennen an, aber niemand scheint dem Achtung zu schenken.
Immer weiter geht der Umzug, über Zäune, Felsen, Halden, Eis und Schnee. Auf einigen Hausdächern stehen Frauen, die die Fackelträger bitten, auf ihren Feldern zu tanzen, dann geht ein Rucken durch die Leute, der – mehr oder weniger – Gänsemarsch löst sich auf, die Trommeln werden geschlagen und für einige Minuten wird getanzt für die Fruchtbarkeit des jeweiligen Feldes.
Der Weg, der im Tageslicht und ohne Regen ca. 20 Minuten dauert wird zu einem 2 stündigen Marsch der tanzenden Lichter.
Als wir die Tanzhalle in Asper erreichen dämmert es bereits. Aber anstatt, wie vor 2 Tagen in Guru, die Fackeln zu löschen werden sie zu meinem Erstaunen mit in die Halle genommen, die Tänze beginnen, drei und drei Frauen gemeinsam drehen sich wilder als sonst, die Fackeln hoch erhoben, die Funken fliegen, die Kinder springen mit kleinen Fackeln zwischen den anderen herum. Hier muessen 1000 Schutzengel sein, nie fällt ein brennendes Holzteil in ein Kupas, wo es ungehindert alle Haare der Betroffenen verbrennen könnte, die jeamndem ins Gesicht, nie fängt ein Kleidungsstück unkontrolliert zu brennen an, obwohl sichtlich niemand darauf achtet, öfters fliegen die brennenden Teile knapp am Ziel vorbei – Gott muss wohl sehr zufrieden sein.

Als alle Fackeln schliesslich nieder gebrannt sind, machen wir uns auf den Weg nach Hause, wo wir frühstücken, ein wenig ausruhen und am Nachmittag wieder aufbrechen, diesmal weiter talaufwärts, vorbei am nächtlichen Ziel bis Gri, am nördlichen Hang kurz vor dem Dorf in dem die neue Schule steht.
Die paar hundert Meter Höhenunterschied lassen uns erst schwitzen – allerdings nur bis wir dort sind. Dann spüren wir den kalten Wind, der um alle Ecken pfeift und ungehindert über den Freiluft Tanzplatz auf einem etwas grösseren Felsvorsprung hinweg stürmt. Die Luft ist klar, das Tal, von hier aus gut sichtbar, mit einer weissen Schneedecke überzogen, friedlich, weich sieht es aus, wie im Dornröschenschlaf – solange man nicht zu nahe an die Häuser kommt, aus denen Musik und Gelächter dringt. Wir besuchen einige Verwandte hier oben, schlürfen picksuesse heisse Milchtees um uns aufzuwärmen. Hier in Biriu kuppelt sich die Kalash Gemeinschaft nicht wie in Bumburet für 3 Tage von der Aussenwelt ab. Moslems und Kalash gehen hier an allen Tagen ihren gemeinsamen Arbeiten nach, besuchen sich, plaudern.
In der Abenddämmerung brechen wir nach Hause auf. Kleine Streitereien haben angefangen, wie fast jeden Tag am Tanzplatz, wenn die betrunkenen Jugendlichen ihren Platz im System finden müssen, wollen, sollen.
Ein blaues Auge oder ein verstauchter Fuss gehören dazu…

Wir alle sind erschöpft, die letzten 2 Tage hatten wir kaum geschlafen. Aber Frieden gibts noch lange nicht, Freunde kommen vorbei zum Kartenspiel, die Nacht wird wieder zum Tag.
Der nächste Morgen sollte der letzte Chawmos Tag sein. Frühmorgens hoere ich die Kinderscharen, die – wie bei Halloween – in die Häuser kommen und um Bohnen bitten – daru tatu. Am Abend werden die gesammelten Bohnen vor der Tanzhalle gekocht und am übernächsten Tag wieder verteilt. Erst geht es wieder nach Asper, wo getanzt wird, dann Heim nach Guru, wo die Bohnen aufgesetzt werden.
Das Kochen geht wie von selbst, so haben wir Zeit zum Tanzen und Singen.
Ajhona Baya wird wieder angestimmt, bald ist Weithin lautes Gelaechter zu hoeren. Es findet allerdings ein abruptes Ende, als ein Bote kommt, der uns mitteilt, dass eine Frau aus Beshal gestorben sei. Musik ist damit beendet, die Bohnen koecheln unter den nicht mehr ganz so wachsamen Augen einiger Maedels dahin. Verwandte machen sich auf den Weg nach Beshal, da Muslims am selben Tag begraben werden. Der Kreis des Lebens…

Als am nächsten Tag aus heiterem Himmel die Tochter der Verstorbenen, die in Peshawar lebt, anruft, beschliesst die Familie ihr nichts vom Tod der Mutter zu sagen, bis der Vater und ein Bruder in 2 Tagen selbst nach Peshawar fahren und die traurige Nachricht persönlich überbringen koennen.
Die Tochter spürt, dass etwas nicht stimmt. Ich kann ihre Stimme aus dem Hörer hoeren (unser Telefon ist immer noch das einzige). “Ich will mit ihr reden, wo ist sie, bring sie ans Telefon. Ihr würdet mir nicht mal sagen, wenn es ihr nicht gut geht oder wenn sie stirbt.

Bedrückte Stimmung. Der junge Mann mit dem feuerroten, strubbeligen Haar, der immer mit Gejauchze seinen Esel durchs Tal treibt, auf dem er es sich selbst baumelnden Fusses gemütlich macht, weiss nicht was er seiner Schwester sagen soll. Seine sonst vor Übermut sprühen Augen sind stumpf, ängstlich. Er will ihr die schlechte Nachricht am Telefon ersparen, spürt aber auch, dass sich eine Tochter nicht so leicht über die Gesundheit der Mama täuschen laesst.


In Bumburet dauert das Fest noch 2 Tage länger, also machen sich ein paar Birilas auf, um den letzten Tag in Bumburet zu erleben.
Dada, ein paar Grossvater und Onkeln und ich quetschen uns auf einen Jeep und rumpeln über Eis und Schnee nach Bumburet, wo wir in Bhuttos Haus, welches auch von seinem Bruder und dessen Frau Nadia, die meine “echte” Tante mütterlicherseits ist, bewohnt wird – und von vielen anderen mehr.
Oma ist auch da, fast die ganze Familie ist versammelt. Der Abend wir gemütlich, keine ChawmosTänze aber viele Geschichten werden ausgetauscht.
Ein kleines Baby im Haus hat Ohrenschmerzen, die junge Mama ist verzweifelt. Meine Hausmittel-Bücher sind nicht umsonst, beim Durchblättern habe ich gelesen, dass man halbierte Zwiebel auf die Ohren legen soll.
Ein wenig unbeholfen stopfen wir die Zwiebel unter die Ohrenhaube um sie zu fixieren und werden belohnt. Am Morgen sind die Schmerzen wie weggeblasen.
Oma ist von der Zwiebel mittlerweile schwer beeindruckt, sie hat das Sirup und nun diese Methode kritisch beäugt. Aber nach dem Heilerfolg holt sie nun beim kleinsten Wehwechen eine Zwiebel hervor…

Der Tag kann also ganz den Chawmosfeierlichkeiten gewidmet werden. Der Besucherandrang ist wieder gross, vor allem viele der nicht ganz so gern gesehenen Inlandstouristen aus dem Süden wackeln benommen von dem ungewohnten Wein durch die Gegend und lästern Frauen an.
Aber das sind nur Randgeschehnisse, wir stürzen uns ins Getümmel und Tanzen bis zum Umfallen.
Als ich im Jeep nach Chitral sitze summen meine Ohren noch vom tiefgehenden Trommelbeat der Kalashsongs. Es ist der letzte Chawmos Tag nun auch hier in Bumburet, am frühen Abend ist Schluss und Imtiaz hat mir von einem Musikabend in Chitral erzählt. Also nichts wie los. Ich werd auch Gelegenheit haben ein paar Dinge für das anstehende Weihnachtsfest einzukaufen. Vor allem Orangen und Zimt sind gefragt, zwecks mehrfach geforderter Glúhwein-Zubereitung.
Am nächsten Tag bin ich also wieder zurück mit eben diesen Dingen, dazu noch einige Kilo Äpfel für die Apfel-Zimt-Kekse.
Die Äpfel hatte ich eigentlich schon gebracht, aber waehrend wir nichts Böses ahnend getanzt hatten, waren die Kinder im Abstellkammerl ein und ausgegangen und hatten jedes Mal ein oder zwei Apfel vernascht. Am Abend war nichts mehr übrig...
In Bhuttos Haus ist die Ernährung zwar nicht ganz so unausgewogen wie sonst wo in den Taelern, aber es sei den Kleinen vergönnt, sie sind ja mitten im Wachstum...
Bhuttos Haus ist ein richtiges Familien Guesthouse, 3 Zimmer für Gäste, immer abwechslungsreiches, sauberes und hygienisch zubereitetes Essen, Toiletten in den Zimmern, Oefen im Winter, frische Wäsche mindestens 2x pro Woche...
In Birir könnten sie noch was lernen. Ich hatte vor kurzem mal die Bettwäsche der Gäste gewaschen, als ich darüber stolperte und vor lauter Flecken das Muster nicht erkennen konnte. „Ich hab sie erst letzten Monat gewaschen!“ kam der Kommentar von Mama. Ich habe versucht zu erklären, dass sie mindestens nach jedem Gast oder, sollte ein Gast sehr lange bleiben, ein mal die Woche gewechselt werden muss – und dabei auch gleich gewaschen. Mal sehen...
Aber ich bin ja nun in Bumburet. Am 24. Dezember fangen wir frühmorgens an, Apfelkuchen zu backen. Bis 4 Kilo Äpfel per Hand in Kleinstteilchen geschnitten sind dauert es schon mal eine Weile.
Viele Gäste sind diesmal nicht da, 2 europäische Touristen, mit denen ich gemeinsam die Vorbereitungen teilen und dann natürlich feiern wollte, hatten kurzerhand abgesagt, daher bin ich die einzige mit „Weihnachtsbrauch“.
3 Japaner sind noch da, die fleissig mithelfen, besonders eine - sorry, der Name ist mir entfallen und wuesste ich ihn, so koennte ich ihn bestimmt nicht buchstabieren – schnipselt unermüdlich an den Äpfeln rum. Wir hatten vor 2 Tagen auf ihren Wunsch einen Pudding gemacht – mit Paki Puddingpulver und Paki Anleitung, die natürlich hinten und vorne nicht zusammen passt. Zubereitet nach aufgedrucktem Rezept wurde es eine mehr oder weniger flússige Sosse, aber nach einigem Rumpantschen – oder Improvisieren – hatten wir einen süssen, festen, echten Pudding fertig gebracht.
Das Glühweinkochen haben auch Helferlein übernommen, sie hatten letztes Jahr gut aufgepasst, ich muss nur noch abschmecken...
Es ist also eher ein Familien Weihnachtsfest, dafür umso gemütlicher.
Eine liebe Freundin kommt abends vorbei und bringt mir ein Geschenk. Ich packe es aus und traue meinen Augen kaum: Ein fix und fertiger Piran, mit einer Borte aus selbstgemachten Perlenbändern. Sie hatte mir vor 2 Jahren ein Perlen-Armband geschenkt, welches ich immer noch trage. Als sie einmal nach Birir kam sah sie es und war fast zu Tränen geruehrt. Und nun dieses Geschenk. Ich kanns kaum glauben. Ich hab noch nie einen schöneren Piran als diesen gesehen, und sicher auch keinen, dessen Fertigstellung soviel mühevolle Kleinarbeit beinhaelt. Sie hatte den ganzen Sommer daran gearbeitet. Nicht für mich, für sie, aber als sie sah, wie sehr mir dieses Perlendesign gefiel, waren die Pläne geändert und nun darf ich ihn tragen. Diese Selbstlosigkeit ist eine Eigenschaft, die nur wenige Leute oder Völker besitzen.
Ich hatte dieses Jahr keine Zeit, Geschenke zu machen, alleine ist das auch schwierig, aber 3 der dampfenden Apfelkuchen gehören jedenfalls ihr, und es wird bestimmt eine Gelegenheit geben, ihr auch eine Freude zu bereiten.

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Herbst

Mitte November bis Mitte Dezember 06

Nach dem Medical Camp geht das Herbstleben weiter. Das Tal liegt friedvoll eingebettet zwischen den Bergen. Die Ziegen werden zu den spärlichen Wiesen geführt, die Kinder schütteln ihnen das inzwischen goldene Laub von den Bäumen. Die letzten Tomaten werden zum Trocknen aufgelegt. Weintrauben, die im Winter als Medizin dienen sollen werden unter das Kaminloch gehängt um sie zu räuchern.
Die Duschen werden immer kälter und daher auch reduziert, täglich ist nicht mehr nötig, jeden zweiten Tag reicht völlig.
Am 25. November kommt Imtiaz auf Besuch, wir frieren uns erst im Gästehaus die Finger beim Kartenspiel und wärmen sie mit selbstgemachtem Glühwein wiederauf, schliesslich steht die Adventszeit vor der Tür und man muss vorbereitet sein. Und die Glühwein Variante ist die einzige Möglichkeit für mich, eine Tasse Wein zu trinken ohne Magenproblem vom Säuregehalt des Weins zu bekommen.
Dann kommt ein Junge mit Einladung zum Abendessen. Wir folgen ihr wiederwillig, die Höflichkeit gebietet es, der Vater ist ein guter Freund, der Dorn im Fleisch ist, dass gerade in dem Moment das Guesthouse ein wenig warm geworden war und das Haus in dem schon das Abendessen kocht einen ordentlichen Fussmarsch entfernt. Also raus in die Kälte… Als wir ankommen erwartet uns ein typischer markal, die wohl angenehmste Heizmethode. Ein einfacher Tisch, behängt mit dutzenden Decken bis zum Boden, darunter eine feuerfeste Schüssel mit glühenden Kohlen. Schnell die Füsse unter den Tisch gesteckt, die Decke bis zur Halskante hochgezogen – so lassen sich kalte Herbstabende und Winter angenehm verbringen.
Spätabends zurück ins Guesthouse, wo wir noch ein wenig Kartenspielen und den Rest des Glühweins aus der Thermoskanne schlürfen, dann mach ich mich wieder auf in die Kälte um Heim zu marschieren.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück – so um zwölf Uhr – ist Imtiaz gerade beim Abfahren, als mir in den Sinn kommt, dass ich ja eigentlich Peshawar fahren sollte, um mein Visum zu verlaengern.
In fünf Minuten packe ich meine Siebensachen und ab gehts in den Süden.
Soll heissen erst mal nach Sweer zu Imtiaz, um dann früh am nächsten Morgen abzureisen. Mit ein bisschen Glück ist der Lawari Pass offen. In den letzten Tagen hatte es geschneit dort oben und er war für 5 Tage geschlossen.
Der Flieger ist bei diesem Wetter auch eher eine Seltenheit, und dann immer zum Bersten gefüllt.
Nach einer gemütlichen Nacht, versuesst mit gutem Essen und Früchten, die Imtiaz’ Frau unermüdlich nachbereitet in einem warmen Zimmer mit Warmwasser am frühen Morgen gehts auf nach Drosh um ein Vehikel zu suchen, dass den Lawari passieren sollte. Um 9 gehts dann los.
Keine Lawariquerung ohne schräge Ereignisse. Diesmal ist der Landcruiser-Fahrer ein besonderer Strohkopf und der Autobesitzer, der am Beifahrersitz mitfährt, rauft sich pausenlos die Haare, unterbrochen nur von ein paar hastigen Ausrufen wie „beokuf“ etc. Mir ist das Wort bisher unbekannt, aber die Bedeutung ist nicht schwer zu eraten.
Gleich nach 10km rammt der Fahrer einen Kleinwagen. „Beokuf!!!“ Er hat Glück im Unglück, es passiert nichts. Nur der andere Fahrer, den es ordentlich geschreckt hatte, kommt auf uns zugerannt, oeffnet die Fahrer Tür und boxt unserem „beokuf“ mitten ins Gesicht. Ein paar harsche Worte werden gewechselt, dann geht die Fahrt weiter.
Der furchtsame Autobesitzer am Beifahrersitz ist nun vorgewarnt und wirft mit bösen Blicken und Räusperern um sich, sobald „beokuf“ auch nur die kleinste falsche Handbewegung macht oder eine Sekunde zu spät schaltet – also fast immer. Der Fahrer wird natürlich immer unsicherer, die Schlitterpartie über den verschneiten Lawari wird zur Abenteuerfahrt. Am Pass fängt es an zu schneien, wir haben Glück, dass wir durchgekommen sind, wenige Stunden später ist der Pass wieder gesperrt.
In der „Stadt“ nach dem Lawari steige ich um ein Uhr in ein anderes Fahrzeug um, der Landcruiser macht sich auf den Rückweg. Später sollte ich erfahren, dass genau dieses Auto als einziges von einer Lawine verschüttet wird und der mitgerissene totgeglaubte Fahrer am Abend nach Stunden langem Suchen ohne Kratzer im Schnee gefunden wird. Er ist der Held des Tages...
Weiter geht es nach Peshawar, wo ich gegen Abend ankomme.
Ich hatte Glück, in diesen 2 Tagen, in denen der Pass offen war runter zu kommen, aber nun sitze ich fest.
Na macht nichts. In Zarins Haus bin ich gut aufgehoben und mein Visa muss ohnehin verlängert werden. Da ich ein Doppel-entry Visum habe plane ich an der Afghanischen Grenze die Stempel zu sammeln. Dafür brauch ich aber erst das Afghanische Visum. Eine andere Überlegung ist es, nach Indien zu fahren, aber das Indische Visum lässt auf sich warten. Das Afghanische gibts in 1 Tag. Ich bin erstaunt über die Kompetenz im Afghanischen Konsulat, es dauert 2 Stunden, dann habe ich den Sticker im Reisepass. „Normalerweise geht es schneller“’ beteuert ein Beamter, „aber der Konsular ist gerade in einem Meeting. In 20 Minuten ist er frei.“ So viel freiwillig weitergegebene Information ist schon erschreckend, üblich ist eher die „Lass-sie-dumm-sterben“ Methode angebracht und man sitzt ewig ohne Info oder Antwort.
Das erschreckenste an dem Ganzen: er war wirklich nach 20 Minuten frei. Was für ein Tag!
Am Tag der Wahrheit, als ich zur Grenze in Torkham will stellt sich heraus, das ein Bekannter von Zarin ebenfalls nach Kabul faehrt, er kan mich bis zur Grenze mitnehmen. Er weist mich durch den Stempeldschungel, hilft hier und da mit Bekannten aus, wenns nicht so schnell geht wie es eigentlich gehen sollte, wir essen im kleinen Orangenbaum-Garten hinter dem Zollhaus.
Torkham ist ein einziges Chaos, die Strassen verstopft mit LKWs, bunten halb kaputten die grossteils Obst liefern und 1A Trucks, die versiegelte Ladung für die vielen Auslaender in Afghanistan transportieren. Natürlich nicht ohne dass ein Teil der Flaschen vorher irgendwo am Schwarzmarkt unterkommt. Die Ware wird am Seeweg geliefert und da Afghanistan wegen Meermangel keinen Hafen hat, wird das Gut durch Pakistan angekarrt.
Die Strasse wurde vor wenigen Monaten ausgebaut und ist nun schon wieder völlig verstopft – Zukunftsplanung adieu...
Es waere ein Leichtes hier unregisitriert über die Grene zu laufen, die Immigrationgebäude sind versteckt hinter dem kleinen Bazarr, der sich die Grenzstrasse entlangzieht.
Frauen und Kinder werden in Schubkarren über die Grenze geschoben, denn öffentlichen Verkehrsmittel queren diese nicht, sie müssen gewechselt werden. Ein paar hundert Meter bleiben also für Fussweg.
Im privaten Auto ist das natürlich nicht so, wir fahren sprichwörtlich bis vor die Nase der Visabeamten und erledigen den Papierkram. Ausreise aus Pakistan, Einreisestempel Afghanistan, Ausreisestempel Afghanistan und Einreise in Pakistan.
Mein Paki Visum ist einige Tage überfällig, jedoch laut Gesetz sind 2 Wochen problemlos möglich ohne irgendwelche Umstände. Letztes Jahr am Flughafen in Karachi war das alles kein Problem, die Verantwortlichen wussten bescheid. Hier bis zum kleinen Grenzposten Torkham wo selten ein Ausländer vorbeikommt, ist diese Weisheit nicht durchgedrungen und ich habe alle Hände voll zu tun ihnen ihre Arbeit zu erklären. Schliesslich gab ich auf, hole die Telefonnummer von einem Freund im Innenministerium heraus und sage „Da, ruf an und frag, aber er wird nicht sehr erfreut sein, dass ihr eure eigenen Visaregeln nicht kennt!“
Das hat gesessen, der Stempel wird aufgedrückt, alles ist fein. In Afghanistan (3 Meter weiter vorne) meint der zuständige Beamte, dass Ausländer (als solche gelten natürlich nicht Pakistanis) nicht am selben Tag ausreisen dürfen. Ich erzähle ihm, dass mein Meeting abgesagt wurde und ich erst jetzt gerade per Anruf davon erfahren habe, als wir bereits aus Pakistan ausgereist waren. Zarins Freund ist wieder sehr hilfreich und wir lassen schliesslich das Chaos hinter uns, wieder auf dem Heimweg nach Pakistan über den Khyberpass.
Mein Helfer benahm sich sehr korrekt, höflich und in keinster Weise aufdringlich, das sollte mich schon nachdenklich stimmen. Um so mehr schreckte es mich, als ich später erfahre, er haette rumerzählt, dass wir eine Nacht in Kabul verbracht haetten. Die Liebe der Chitralis zu Gerüchten ist wie die Liebe der Österreicher zu Kaffee, Kuchen, Bier, Fussball, Ski etc zusammen.
Ich kenne das Getratsche aus Bhutan, jeder weiss was der andere eingekauft hat, wann er das Haus verlässt, wohin er geht, was er macht, bla bla – aber wenigstens handelt es sich zu 80% um Fakten.
Ein Britischer General hat während der Britschen Herrschaft – also vor 1947 ein genaueres Datum weiss ich nicht – über Chitral folgendes niedergeschrieben: „In Chitral ist es unmöglich einen Geheimdienst zu installieren. Um all den zahllosen Geruechten nachzugehen und sie als unhaltbar bestätigen wäre eine Armee an Agenten nötig.
Nun darf ich also damit Bekannschaft machen. Ich stochere ein wenig nach und stosse in ein Wespennest. Keine Seele über die nicht zahlreiche Gerüchte existieren und keine Seele, die diese nicht liebend gern weiterverbreitet. Besonders über Ausländer/angrez werden lieben gern alle möglichen Sensationen verbreitet, denn erstens werden angrez meist nicht davon erfahren, das sie keine echten Freunde haben die ihnen alles erzählen und weil doch jedes Kind weiss, dass angrez alles mögliche tun, was Gott verboten hat. Sie gehen sogar – stell dir das mal vor – mit jemandem zum Mittagessen aus. Wenn das kein Hinweis auf eine versteckte Affäre ist...
Es wird schwer, jemandem zu glauben. Imtiaz ist nun der einzige, der mein 100% Vertrauen hat. Er lässt mich auch immer die neuesten Bazargeschichten hören. Oft gefällt mir ganz und gar nicht was mir da zu Ohren kommt.
Eines davon ist z.B. das ich öfters betrunken durch Chitral laufe. Die Tatsache, dass ich bei allen Treffen, wo Alkohol getrunken wird meist die einzige Ausländerin und die einzig nüchterne Person bin, weil ich das Essigwasser einfach nicht trinken kann, wird übersehen.
Alle Ausländer saufen. Punkt. Vorurteilsfrei gehts wohl nirgends...
Gottseidank ist das in den Tälern anders. Kalash sehen alles viel relaxter und haben keine Vorliebe für Gerüchte.
Dorthin ziehts mich auch bald wieder von Peshawar, den das Chawmosfest soll beginnen.
Das der Lawari wirklich gesperrt ist, muss ich den Flieger nehmen, der natürlich auch ein wenig auf sich warten lässt. Lawari hat für jeden eine Prüfung parat. Für das Flugzeug sind es die Wolken, die er liebend gern um sich auftürmt und so den Weg nach Chitral auf allen Ebenen sperrt.
Aber noch ist es Dezember und das Wetter mit wenigen Ausnahmen klar. Also heim nach Chitral – mit der Militärmaschine, die den Flugverkehr übernommen hat, seit die kleinen Fokkers wegen einem Zwischenfall im südlichen Multan aus dem Service genommen wurden. Ein paar Monate soll es noch dauern, bis die neuen ATR fliegen.
Einstweilen werden Menschen und Gepäck in die Transportmaschine gepfercht, die Sitze sind nicht in Quer- sondern Längsreihen angebracht, eine paar rote Stoffstreifen über ein Metallgestell gespannt sorgt üblicherweise für praktische Soldatensitze. Die Frauen werden auf eine Seite gequetscht, dann Angrez, dann Paki Männer. Wer mal sitz kann bis zur Landung nicht mehr aufstehen – wohin auch? Toiletten gibt es nicht.
Die Motoren heulen auf, mit entsetzlichem Krach hebt das Teil schliesslich ab und steigt langsam hoch. Die Lunchboxen werden durchgereicht, was meist dazu führt, dass sie im hintersten Eck nie ankommen. Weiterreichen wenn man selbst noch nichts hat ist unmöglich. Aber das Abenteuer endet nach 40 min genauso geräuschvoll wie es begonnen hat und ich bin endlich wieder daheim in Chitral.